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Leitartikel US-Besuch Merkel
Europa darf sich bei Trump keine Illusionen machen

FOTO: SZ / Robby Lorenz
Es wäre sicher übertrieben, von einer Rollenverteilung nach dem Muster Good Cop/Bad Cop zu sprechen. Auf der einen Seite hat Emmanuel Macron vor dem amerikanischen Kongress viel zu deutliche Worte gegen nationalistische Engstirnigkeit gefunden, als dass man ihn auf den Part des Charmeurs, des Trump-Flüsterers oder eben des Good Cop reduzieren könnte. Auf der anderen Seite neigt Angela Merkel allein schon vom politischen Naturell her nicht dazu, dem Präsidenten der USA im Stile eines Bad Cop klare Kante zu zeigen. Dennoch haben beide, der französische Staatspräsident und die deutsche Bundeskanzlerin, in konzertierter Aktion versucht, Donald Trump ein altes Versprechen auszureden – jeder auf seine Weise. Von Frank Herrmann

Trump hat schon im Wahlkampf immer wieder erklärt, was er vom Atomabkommen mit dem Iran hält. Es sei der schlechteste Deal, der je ausgehandelt wurde, diplomatischer Pfusch, verzapft von Amateuren, die sich von den gerissenen Iranern über den Tisch ziehen ließen. Und dass der Welthandel eine Schieflage auf Kosten Amerikas aufweist, hat er auf Bühnen fast täglich gepredigt. Schon der Immobilienunternehmer Trump war besessen von dem Gedanken, das eigene Land werde benachteiligt und müsse sich mit robusten Mitteln zur Wehr setzen, übrigens bereits in den Achtzigerjahren, als er erstmals politische Ambitionen erkennen ließ. Die Zölle auf Stahl- und Aluminiumimporte, die ab dem 1. Mai auch die Europäer bestrafen, falls Trump die Schonfrist kurzfristig nicht doch noch verlängert, sind die logische Folge dieser Rhetorik.


Macron mag den charismatischen Weltstaatsmann geben, Merkel die für die Kleinarbeit zuständige Handelsreisende: Es sieht nicht danach aus, als würde sich Trump von dem Duo eines Besseren belehren lassen. Überraschungen sind nicht ausgeschlossen, schließlich begreift sich der Mann als genial fintierender Verhandler, der auch mal Zugeständnisse macht, wenn es ihm unterm Strich nutzt. Aber aus heutiger Sicht wäre es eine Sensation, würde er sich noch einmal überreden lassen, auf Sanktionen gegen Teheran zu verzichten und damit das Atomabkommen zu wahren. Und falls er den EU-Staaten bei den Stahl- und Aluminiumzöllen entgegenkommt, wird er sich das teuer abkaufen lassen.

Natürlich ist es alternativlos, mit den Amerikanern im Gespräch zu bleiben. Wann, wenn nicht in schwierigen Zeiten, soll eine Kanzlerin über den Großen Teich fliegen, um dicke Bretter zu bohren? Nur sollten sich die Europäer nicht der Illusion hingeben, dass sie auf offene Ohren stoßen. Wo Trumps Prioritäten liegen, hat er geradezu lustvoll demonstriert, als er vor knapp einem Jahr aus dem Pariser Klimaabkommen ausstieg. Er sei gewählt, um die Bürger von Pittsburgh zu vertreten, nicht die von Paris, bündelte er sein „America first“ in einer griffigen Zeile. Wer seither auf Lerneffekte beim US-Präsidenten hoffte, sieht sich bislang enttäuscht. Amerika zuerst, in einem buchhalterisch eng verstandenen Sinn: Dabei wird es auf absehbare Zeit bleiben.