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Der selbsttherapeutische Opferbericht der Pola Kinski

Ehe das Buch selbst in Augenschein genommen wird, stellt sich die Frage nach dem gesellschaftlichen Mechanismus, der allen derartigen Skandalgeschichten massenhafte Aufmerksamkeit sichert. Im Falle von "Kindermund" ist es die Fortsetzung der Skandalkarriere des bedeutenden Schauspielers Klaus Kinski

Ehe das Buch selbst in Augenschein genommen wird, stellt sich die Frage nach dem gesellschaftlichen Mechanismus, der allen derartigen Skandalgeschichten massenhafte Aufmerksamkeit sichert. Im Falle von "Kindermund" ist es die Fortsetzung der Skandalkarriere des bedeutenden Schauspielers Klaus Kinski. Wer ihn am, auf und unter dem Tisch anlässlich seiner Lesung im Berliner Sportpalast im Jahre 1960 erlebt hat, wie er François Villon vortrug, dem er den Titel seiner späteren Autobiografie "Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund" verdankte, wer seine Wutausbrüche kennt, der wird ihm alles zutrauen, was seine Tochter in "Kindermund" berichtet. Nur ist das eben kein Buch über den Vater aus Sicht der Tochter, sondern eine Autobiografie der Tochter.Der Vorwurf gegen einen Vater, seine Tochter von ihrem fünften bis zum 19. Lebensjahr sexuell missbraucht zu haben, ist auch ohne die Prominenz, die hier im Spiel ist, von öffentlichem Interesse, wenn hierüber reflektiert berichtet wird. Das kann Pola Kinski nicht, weil sie ihr eigenes Leben bei ihrer von Kinski geschiedenen Mutter und ihre überschaubar gebliebene Karriere als Schauspielerin erzählen will. Der berühmte Vater dient als Werbe-Lokomotive. Der von seiner Tochter als fehlgeleitete Liebe dargestellte Missbrauch und die anekdotisch eingeflochtenen Skandalauftritte werden als dramaturgische Brücke zu seinem Leben ausgeschlachtet. Alle fehlgeschlagenen Versuche des katholisch erzogenen Mädchens, ihre "Schuld" zu beichten, verdienten aber eine Untersuchung der religionsspezifischen Vertauschung von Täter und Opfer.


Das Buch ist also im Ansatz verfehlt. Es ist nicht schlecht geschrieben, doch man fragt sich ständig, was einen diese Geschichte angeht. Irgendwann stellt sich Mitleid mit der Autorin ein, weil sie das Trauma nicht verarbeiten konnte, so dass sie das Buch nicht hätte schreiben müssen. Was bleibt, ist die Frage: In welcher Gesellschaft leben wir, dass ein Opfer 60 Jahre alt werden muss, um über einen Missbrauch zu schreiben? hal

Pola Kinski: Kindermund.



Insel, 271 S., 19,95 Euro.

Foto: afp/Klueter