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Conti-Werk in Saargemünd besetzt

Saargemünd. Von Ferne hat man den Eindruck, dass im Industriegebiet von Saargemünd Alarmstimmung herrscht. Eine dicke schwarze Rauchfahne, die vom Continental-Werk aufsteigt, wird vom lebhaften Wind nach Osten weggetragen. In schattigen Einmündungen von Nebenstraßen sind die Einsatzfahrzeuge und Mannschaftswagen der nationalen Polizei geparkt Von SZ-Redakteur Gerhard Franz

Saargemünd. Von Ferne hat man den Eindruck, dass im Industriegebiet von Saargemünd Alarmstimmung herrscht. Eine dicke schwarze Rauchfahne, die vom Continental-Werk aufsteigt, wird vom lebhaften Wind nach Osten weggetragen. In schattigen Einmündungen von Nebenstraßen sind die Einsatzfahrzeuge und Mannschaftswagen der nationalen Polizei geparkt. Doch noch ist Entspannung angesagt; einige Polizisten gehen mit geöffneten Uniformjacken an den Straßen auf und ab, andere sitzen in den Autos und hören Radio. Aber auf dem Parkplatz des Conti-Werks geht es eher zu wie auf dem Jahrmarkt. An einigen Autos werden Bierflaschen herumgereicht, man lacht und reißt Witze. Eben läuft ein Mitarbeiter des Continental-Werks von Clairoix vorbei, auf dessen Rucksack ein Foto mit Nicolas Sarkozy und Angela Merkel prangt. Darunter ist in dicken Buchstaben geschrieben: "Die Großen sind nur groß, wenn man uns auf die Knie gezwungen hat." Dann wird der Schlachtruf der Solidarität skandiert: "Tous ensembles, tous ensembles, oui, oui, oui" (alle zusammen, ja, ja, ja). Und ab und zu kracht ein Kanonenschlag hinter dem geschlossenen Tor der Werkseinfahrt. Doch dann ist da noch der große Stapel brennender Reifen, der bis zehn Meter Entfernung eine sengende Hitze verstrahlt und auf die Umgebung schmierigen Ruß herunterrieseln lässt. Und der Brand bedeutet: "Dieses Werk ist besetzt." Von einem Pulk zum nächsten flaniert der Betriebsratsvorsitzende des Saargemünder Werks, Patrick Steiner (55). Hier ein paar freundliche Worte, dort einen Klaps auf den Rücken - dann wieder ein Anruf auf dem Handy, um mit Kollegen die Lage zu besprechen. "Diese Besetzung hat mit uns nichts zu tun", sagt Steiner, der schon 35 Jahre bei Continental beschäftigt ist, zur Saarbrücker Zeitung. "Das machen die Leute aus Clairoix; aber wir sind natürlich solidarisch." Inzwischen sei die Produktion in Saargemünd eingestellt. Am Morgen waren rund 500 Continental-Angestellte vom Werk im nordfranzösischen Clairoix - das ebenso geschlossen werden soll wie der Betrieb in Hannover-Stöcken - in Richtung Deutschland aufgebrochen, um im Continental-Werk von Aachen zu demonstrieren. Aber weil man zwischendurch Nachricht bekam, dass dort bereits 200 deutsche Polizisten mit Wasserwerfern warteten, habe man den Plan geändert. Im Nu sei man nach Südosten abgebogen und in Saargemünd angekommen. Und hier werde man so lange bleiben, bis ein Verantwortlicher des Konzerns zu Gesprächen bereit sei. Diese Forderung ist in den Augen der Beschäftigten und der Gewerkschaftsvertreter bei Continental ein legitimer Anspruch, denn bereits im April wurde die Continental-Führung in Hannover vom französischen Industrie-Staatssekretär Luc Chatel zu Gesprächen am Runden Tisch, in Frankreich Tripartite genannt, mit der Belegschaft und der Regierung aufgefordert. Bloß gab es darauf in Hannover noch keine Resonanz. Gestern sagte ein CGT-Gewerkschafter, der telefonischen Kontakt mit der Konzernspitze aufgenommen hatte: "Wenn die uns eine Zusage für ein solches Gespräch geben, sind wir sofort weg."


Klares Signal wird erwartet



Von SZ-RedakteurGerhard Franz Wenn es gestern bei der Besetzung des Continental-Werks von Saargemünd noch keine schwere Gewalt gab, so ist doch mit den rund 500 Arbeitern aus Nordfrankreich nicht zu spaßen. Sie haben den 500 Kilometer weiten Ausflug nicht unternommen, um in Lothringen ein paar Bierchen zu trinken und wieder nach Hause zu fahren. Was sie wollen, ist eine klare Ansage von Continental, wie es weitergeht, wie der Sozialplan für die insgesamt 1120 Mitarbeiter in Clairoix aussehen soll. Dazu gab es bisher weder aus Hannover, noch vom Continental-Chef in Frankreich, François Gérard, der auch Generaldirektor von Saargemünd ist, eine belastbare Aussage. Zugleich hat der Fall eine politische Dimension, weil sich die französische Regierung bereits eingeschaltet hat. Ein klares Signal wäre nun fällig.