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Beim Plastikgeld lauert das nächste Finanz-Fiasko

Washington. Das weltweit gefürchtete Schreckgespenst fauler Kreditkarten-Schulden der Amerikaner geht wieder um: Der staatliche "Stress-Test" für die größten US-Banken deckte enorme schlummernde Risiken bei dem Plastikgeld auf. Der Finanzwelt drohen neue Schockwellen Von Thomas Spang (SZ) und Roland Freund (dpa)

Washington. Das weltweit gefürchtete Schreckgespenst fauler Kreditkarten-Schulden der Amerikaner geht wieder um: Der staatliche "Stress-Test" für die größten US-Banken deckte enorme schlummernde Risiken bei dem Plastikgeld auf. Der Finanzwelt drohen neue Schockwellen. Dabei war erst Ende voriger Woche von "Entwarnung" die Rede gewesen, von "vorsichtiger Zuversicht". Auch die Börsen reagierten positiv auf das Ergebnis der Belastungstests für die US-Bankenbranche. Doch seither tauchen immer neue Zweifel auf. Die Regierung habe sich von den Banken um Milliardensummen auf geschönte Resultate herunterhandeln lassen, berichtete das "Wall Street Journal". Zudem offenbart ein genauer Blick in die Tests: Allein bei den Kreditkartenschulden könnten den 19 größten Banken des Landes bis Ende 2010 umgerechnet Ausfälle bis zu 61 Milliarden Euro drohen. Führende Anbieter wie American Express, J.P. Morgan Chase und Bank of America müssten im Extremfall damit rechnen, dass jeder fünfte Vertrag nicht erfüllt wird. In der Kreditkarten-Branche beschrieb bislang eine einfache Faustformel das Risiko der Banken: Demnach entspricht die Prozentzahl der Kunden, die ihre monatlichen Zahlungen nicht mehr leisten können, in etwa der Arbeitslosenquote. So lag 2008 die Arbeitslosigkeit im Schnitt bei 5,8 Prozent, die Abschreibung wegen geplatzter Kreditkartenverträge bei 5,5 Prozent oder rund 45 Milliarden US-Dollar. Inzwischen wären die Banken hoch erfreut über solche Werte. Der sprunghafte Anstieg der Kreditkartenpleiten hat aus Sicht von Experten unterschiedliche Gründe. Früher konnten US-Bürger, die ihren Job verloren, beispielsweise auf Ersparnisse in ihren Pensionsfonds zurückgreifen und damit ihre Kreditkartenschulden begleichen. Oder sie bedienten sich mittels eines Hypotheken-Kredits am Wertzuwachs ihrer Häuser. Aufgrund der massiven Einbrüche am Aktien- und Immobilienmarkt scheiden diese Optionen aus. Also lassen die Kunden ihre Verträge nun einfach platzen. Angesichts von umgerechnet rund 6160 Euro Verbindlichkeiten, die jeder Amerikaner im Schnitt vor sich herschiebt, ein erhebliches Risiko für die Branche. Dabei umfassen die 61 Milliarden Euro, die der "Stress-Test" ausweist, nur die in den Bilanzen enthaltenen Verluste - die versteckten Risiken fehlen. Verbraucherkredite waren nämlich ähnlich wie Hypothekenkredite gebündelt und dann scheibchenweise an Investoren verkauft worden. Analysten gehen deshalb davon aus, dass die Abschreibungen der Kreditkartenanbieter insgesamt bis zu 136 Milliarden Euro ausmachen könnten. Bisher versuchten die Banken, ihre Verluste durch die Hintertür zu kompensieren. Sei es durch die nachträgliche Erhöhung von Zinsen, die Einführung neuer Gebühren oder saftige Strafen von bis zu 150 Dollar (110 Euro) für Kunden, die ihre Rechnung nur einen Tag zu spät beglichen. Alarmiert von dieser Praxis beschloss das Repräsentantenhaus eine Reform, die Kunden stärkere Rechte einräumt. Der Senat will das Kreditkartengesetz diese Woche aufgreifen, bis Ende Mai dürfte es dem Präsidenten zur Unterzeichnung vorliegen. Die Banken ihrerseits verkündeten mit Blick auf die gestiegenen Risiken eine Einschränkung der Kreditvergabe. Nach Einschätzung von Experten könnten dem Markt im kommenden Jahr rund 2,7 Billionen Dollar (1,98 Billionen Euro) weniger als Kreditlinien beim Plastikgeld zur Verfügung stehen. Ein weiterer Indikator, dass die Finanzmarktkrise in den USA noch lange nicht vorüber ist.