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Interview Karlheinz Blessing
„Volkswagen frisst einen auf“

Karlheinz Blessing räumt ein, sich in den Reihen von Volkswagen auch Gegner geschaffen zu haben. „Das bleibt nicht aus“, sagt er. Dazu gehörten nach seinen Worten auch einige Betriebsräte.
Karlheinz Blessing räumt ein, sich in den Reihen von Volkswagen auch Gegner geschaffen zu haben. „Das bleibt nicht aus“, sagt er. Dazu gehörten nach seinen Worten auch einige Betriebsräte. FOTO: dpa / Philipp von Ditfurth
Karlheinz Blessing sieht keine fachlichen Gründe für seine Ablösung als Personalvorstand bei Deutschlands größtem Autohersteller. Von Thomas Sponticcia
Thomas Sponticcia

Herr Blessing, Volkswagen stand zuletzt unter großem Druck, insbesondere durch die Dieselaffäre. Vielen ging auch der Umbau des Konzerns und die aktive Besetzung von Zukunftsthemen nicht schnell genug. Überrascht hat jedoch, dass nicht nur Matthias Müller an der Spitze als Volkswagenchef gehen musste, sondern auch Sie als Personalvorstand.


BLESSING  Natürlich hätte ich gerne meine Periode als Personalvorstand zu Ende gemacht.

Woran lag es dann, dass Sie  diese Position im Vorstand abgeben mussten?

BlESSING Mir konnte niemand sagen, was an meiner Arbeit nicht stimmte! Also lag der Grund woanders. Ich will nicht verhehlen, dass die Ereignisse im Zuge der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen wegen der Vergütung des Betriebsrates, die die Betriebsräte zurecht als ungerecht empfanden, das Vertrauensverhältnis zu einigen Betriebsräten belastet hat. Zu dem Sekretär des Betriebsrates als Personalvorstand besteht da jetzt ein sicherlich größeres Vertrauen.

Gab es vor den jetzt erfolgten Umbesetzungen im Vorstand auch Kritik an Ihrer Arbeit?



BLESSING Ich habe in schwierigen Zeiten einen guten Job gemacht, habe viel bewegt und habe mir hohe Anerkennung und Beliebtheit im Konzern erworben. Denken Sie nur daran, dass ich den Zukunftspakt mit auf den Weg gebracht habe, der zwar auch den Abbau von Arbeitsplätzen vorsah, aber im Gegenzug auch mehrere tausend neue Arbeitsplätze in Zukunftsfeldern wie Elektromobilität und Digitalisierung.

Mit solchen grundlegenden Veränderungen in einem Unternehmen macht man sich aber nicht nur Freunde.

BLESSING Natürlich habe ich mir auch Gegner geschaffen. Das bleibt nicht aus. Bei Veränderungen gibt es immer auch Menschen, die sich auf den Schlips getreten fühlen. Ich habe mich jedoch immer als Teamplayer gesehen. Ich wollte, dass sich immer die beste Idee durchsetzt. Ich wollte modernisieren, aber zugleich sozial verantwortungsbewusst. Insgesamt ist meine Bilanz positiv, sonst hätte mir Volkswagen nicht angeboten, weiterhin für den Konzern tätig zu sein.

Wie sehen Sie das Unternehmen Volkswagen aufgestellt und was machen Sie persönlich jetzt?

BLESSING Es gibt viele Baustellen im Konzern, für die man im Alltag nicht immer Zeit hat. Es gibt auch schon weitere konkrete Vorhaben, hauptsächlich im internationalen Bereich. Ich selbst will jetzt aber erst einmal ein bisschen durchatmen und für einen sauberen Übergang zu meinen Nachfolgern sorgen. Mein bisheriges Ressort wird aufgeteilt, so dass ich mehrere Nachfolger habe.

Wie beurteilen Sie heute, in Nachhinein, die Entscheidung, zu Volkswagen gegangen zu sein? Sie hatten auch an der Saar schon viel Verantwortung als Vorstandschef der Dillinger Hütte und von Saarstahl.

BLESSING Alles, was ich mir als Manager an Wissen und Erfahrung angeeignet habe, verdanke ich der saarländischen Stahlindustrie. Die Entscheidung, zu Volkswagen zu gehen, war auch im Nachhinein betrachtet trotzdem richtig. Ich habe unheimlich viel gelernt, reichhaltige Erfahrungen gemacht und ein internationales Netzwerk bilden können. Ich bin heute sicherlich ein besserer Manager als ich es vorher war.

Wie hat Sie Volkswagen persönlich verändert? Hat man in einem solchen Job noch Zeit für sich selbst?

BLESSING Ich sagte ja bereits, ich hätte gerne meine Periode als Personalvorstand zu Ende gemacht. Ich sage Ihnen aber auch: vermutlich nicht darüber hinaus. Volkswagen frisst einen auf! Man hat für nichts anderes mehr Zeit. Man kann keine Freundschaften pflegen, Familie kommt zu kurz und Hobbies gibt es auch nicht mehr. Auch mental ist ein Abschalten kaum möglich. Volkswagen erfordert vollen Einsatz 24 Stunden lang an sieben Tagen in der Woche. Das war bislang mein härtester Job.

DAS GESPRÄCH FÜHRTE
THOMAS SPONTICCIA