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Vorfahrt für gesunde Fette, Drosselung für Kohlenhydrate

So gut Brot, Brötchen und vor allem Kaffeestückchen auch schmecken, sie enthalten viele Kohlenhydrate. Damit sollte man bei seiner Ernährung sparsamer sein, legen neue medizinische Studien nahe. Foto: Fotolia
So gut Brot, Brötchen und vor allem Kaffeestückchen auch schmecken, sie enthalten viele Kohlenhydrate. Damit sollte man bei seiner Ernährung sparsamer sein, legen neue medizinische Studien nahe. Foto: Fotolia FOTO: Fotolia
Frankfurt. Weltweit kommen Mediziner und Ernährungswissenschaftler zu dem Schluss, dass eine gesunde Ernährung weniger Kohlenhydrate, dafür aber mehr Eiweiß und Fett enthalten sollte. In Deutschland setzen sich die neuen Erkenntnisse nur langsam durch.

(ug) In der Ernährungswissenschaft zeichnet sich eine lange überfällige Kehrtwende ab. Derzeit wird Menschen, die abnehmen wollen, sowie Diabetikern meist noch geraten, wenig Fett zu essen, dafür jedoch mehr Kohlenhydrate : Brot, Nudeln, Kartoffeln, Reis. Aufgrund neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse darf jetzt jedoch wieder mehr Eiweiß und Fett im Essen sein, während der Verzehr von Kohlenhydraten reduziert werden sollte.

Wieder heißt, dass schon bis Ende der 1970er Jahre eine kohlenhydratreduzierte, dafür fettreichere Diät der Standard war, nicht nur für Diabetiker, sondern auch zum Abnehmen.

In der Ernährungswissenschaft scheint es auch in Deutschland hinter den Kulissen zu brodeln. Diesen Eindruck konnte man jedenfalls beim Symposium "Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen" gewinnen, zu dem die Deutsche Gesellschaft zur Bekämpfung von Fettstoffwechselstörungen und ihren Folgeerkrankungen (DGFF), die Deutsche Gesellschaft für Arterioskleroseforschung (DGAF) und der Arbeitskreis Omega-3 am 20. Februar nach Frankfurt geladen hatten. Alle drei eingetragene Vereine pflegen durchaus enge Kontakte zur Pharma- und Margarine-Industrie, die an Herz-Kreislauf-Erkrankungen beziehungsweise der Angst davor sehr gut verdient. Immerhin handelt es sich nach wie vor um die Todesursache Nummer eins.

Erforschung vernachlässigt


Nach Jahrzehnten der Verunglimpfung der Fette im Allgemeinen und der tierischen Fette und damit auch des Cholesterins im Besonderen waren in Frankfurt nun auch kritische Töne zu hören. Man habe die genaue Erforschung der Fettverdauung und -verwertung seit den 70er Jahren vernachlässigt, sodass bis heute viele Grundsatzfragen nicht geklärt seien, sagte Dr. Hans-Ulrich Klör, Medizin-Professor aus Gießen. Klar sei jedoch, dass die pauschale Annahme, Fett mache fett, nicht stimme. Als Beispiel nannte er die mittelkettigen gesättigten Fette (MCTs - Medium-chain triglycerides) aus Milch- und Kokosfett. Sie heizen die Fettverbrennung in der Leber an. Folglich sei es unwahrscheinlich, dass sie auf den Hüften landen.

Professor Dr. Stefan Lorkowski vom Institut für Ernährungswissenschaften der Universität Jena hat sich in den letzten Jahren ebenfalls intensiv mit dem Thema Fette und Gesundheit beschäftigt. Er bemängelte in seinem Vortrag über die Bedeutung gesättigter Fettsäuren , dass die Analyse der vorliegenden Studien oft mangelhaft sei, was sich in Zukunft dringend ändern müsse. Allerdings seien in jüngerer Zeit etliche wissenschaftliche Analysen und Übersichtsarbeiten zu dem Schluss gekommen, dass es keine hinreichenden Belege dafür gebe, dass gesättigte Fettsäuren , sprich Milch, Butter , Käse, Eier, Fleisch und Kokosfett, das Risiko eines Herzinfarktes, eines Schlaganfalles oder einer Arteriosklerose steigern.

Entwarnung gibt es insbesondere für das überwiegend gesättigte Milchfett, also für Butter , fetten Käse und Sahne. Über die Jahre haben mehrere Studien ergeben, dass das Herzinfarktrisiko sogar sinkt, wenn sich im Blut der Probanden Hinweise (Marker) für einen hohen Konsum von Milchfett fanden.

Wer nun glaubt, die frohen Botschaften sollten ab sofort auch unters essende Volk getragen werden, irrt. Einige der Referenten fanden sie vielmehr "ungünstig für die Ernährungsberatung". So stellt sich die Frage, was eine Ernährungsberatung nützt, die ihre überholten Empfehlungen gegen neue Erkenntnisse abschotten möchte. Immerhin war man sich darin einig, dass es nicht sinnvoll ist, gesättigte Fette durch leicht verdauliche Kohlenhydrate zu ersetzen. Professor Dr. Ursel Warburg von der Fachhochschule Münster erklärte, es sei sehr viel besser, einen Teil der gesättigten Fette und einen Teil der Kohlenhydrate durch Fette und Öle mit vielen einfach ungesättigten Fettsäuren zu ersetzen. Also eher weniger Brötchen und Nudeln und dafür mehr Gemüse und Salate, angemacht mit Raps- und Olivenöl, Oliven und Nüssen.

Angesichts der Daten, die in Frankfurt vorgestellt wurden, mutet es geradezu befremdlich an, dass die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) in ihrer soeben veröffentlichten Überarbeitung der Leitlinie "Fettzufuhr und Prävention ausgewählter ernährungsmitbedingter Krankheiten" noch immer vor Fett im Allgemeinen und vor gesättigten Fetten und Milchfett im Besonderen warnt. Denn die Leitlinienkommission hat keine überzeugenden Belege dafür gefunden, dass die Menge an (gesättigtem) Fett auf dem Teller mit Krebs, Diabetes, Schlaganfall, Bluthochdruck oder Fettsucht zusammenhängt. Bei Omega-3-Fettsäuren aus tierischen Lebensmitteln hat sich sogar gezeigt, dass ein hoher Konsum das Risiko für Bluthochdruck sowie koronare Herzkrankheiten vermindert.

Patienten richtig beraten

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung rät der Bevölkerung jedoch weiterhin, beim Fett zu sparen und fettarme Milchprodukte zu bevorzugen, obwohl die eigenen Leitlinien dafür keine wissenschaftlichen Gründe nennen können. Das heißt auch, dass die DGE die neuen Erkenntnisse weder den Ernährungsberatern noch den Verbrauchern vermittelt. Bleibt zu hoffen, dass die rund 200 Ärzte, Ernährungswissenschaftler und Diätassistenten, die sich auf dem Frankfurter Symposium informierten, diese Aufgabe bei ihrer Patientenberatung übernehmen.

Man sollte sich also nicht die Butter vom dünner geschnittenen Brot nehmen lassen und sich bei Gemüse und Salat reichlich bedienen, die mit einem schönen Essig-Öl-Dressing oder mit einem Stich Butter allemal besser schmecken.