| 19:11 Uhr

Normalgewicht – und doch zu fett

Juanito Taveras (22) studiert Informatik an der Universität Austin in Texas. Das linke Foto stammt vom Januar 2014. Da war Juanito zwar normalgewichtig, bekleidet wirkte er schlank. Doch er hatte zu viel Fett im Körper und zu wenig Muskeln. Das rechte Bild wurde im Oktober 2014 aufgenommen. Mit einer Ernährungsumstellung (weniger Kohlenhydrate, mehr Eiweiß und Gemüse) sowie intensivem Krafttraining ist die Verwandlung gelungen. Fotos: Taveras
Juanito Taveras (22) studiert Informatik an der Universität Austin in Texas. Das linke Foto stammt vom Januar 2014. Da war Juanito zwar normalgewichtig, bekleidet wirkte er schlank. Doch er hatte zu viel Fett im Körper und zu wenig Muskeln. Das rechte Bild wurde im Oktober 2014 aufgenommen. Mit einer Ernährungsumstellung (weniger Kohlenhydrate, mehr Eiweiß und Gemüse) sowie intensivem Krafttraining ist die Verwandlung gelungen. Fotos: Taveras
Der Schein kann trügen: Menschen, die rank und schlank sind, können dennoch zu fett sein. Sie haben zu wenig Muskelmasse, im Inneren des Körpers sind sie verfettet. Es drohen Erkrankungen wie bei Übergewichtigen. Martin Lindemann

Schlanke Menschen sind bereits in der Minderheit. In Deutschland sind 67 Prozent der Männer und 53 Prozent der Frauen übergewichtig, meldet das Robert-Koch-Institut. Die Schlanken werden von ihren übergewichtigen Mitbürgern oft beneidet, weil sie eine gute Figur haben und als fit und gesund gelten. Das aber ist oft ein gewaltiger Irrtum. Auch ein großer Teil der Normalgewichtigen ist zu fett. Aber wie soll das möglich sein?


Die Körperzusammensetzung dieser augenscheinlich schlanken Menschen ist alles andere als optimal. Sie haben zu wenig Muskelmasse, dafür zu viel Fett. Wissenschaftler reden von den fetten Schlanken. In der Fachliteratur ist von normal-weight obesity die Rede, von Fettleibigkeit trotz Normalgewicht. Im Internet wird das Problem unter skinny fat (schlank, aber fett) diskutiert. Die Betroffenen haben dieselben Risikofaktoren wie sichtbar übergewichtige Zeitgenossen: erhöhte Blutfettwerte, zu hohe Cholesterinwerte, verstopfte Gefäße, Bluthochdruck, Diabetes-Vorstufe, dauerhafte innere Entzündungen, Fettleber, gesteigertes Krebsrisiko.



Alarmierende Studie: Eine Gruppe finnischer Wissenschaftler um die Ernährungs- und Diabetes-Expertin Dr. Satu Männistö hatte in einer repräsentativen Studie mit 4786 Teilnehmern im Alter von 25 bis 74 Jahren auch untersucht, welche Rolle Ernährung und Lebensstil bei den fetten Schlanken spielen.

Bei der Eingangsuntersuchung wurde mithilfe des Body-Mass-Index (BMI, siehe Infokasten) ermittelt, welche Probanden ein normales Gewicht hatten. Menschen mit einem BMI von unter 25 gelten als normalgewichtig. Unter allen Teilnehmern wiesen 28 Prozent der Männern und 42 Prozent der Frauen Normalgewicht auf. Allerdings entpuppten sich von diesen Männern 34 Prozent als fette Schlanke und von den Frauen sogar 45 Prozent: zu wenig Muskeln, zu viel Fett.

Hochgerechnet zählen bereits 19 Prozent der Frauen zu den fetten Schlanken und zehn Prozent aller Männer. Eine Schweizer Studie, für die in der Stadt Lausanne zufällig 6125 Menschen untersucht wurden, kommt ebenfalls zu dem Ergebnis, dass unter den Normalgewichtigen mehr Frauen als Männer zu den fetten Schlanken gehören. Eine wesentliche Ursache dafür ist, dass die fett-schlanken Frauen körperlich nicht aktiv sind.

Doch wie hoch ist der Fettanteil der fetten Schlanken? Die Forschung in diesem Bereich ist noch relativ jung. Daher orientieren sich die Wissenschaftler an den allgemeinen Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation. Deren Experten halten bei Männern einen Körperfettanteil von unter 20 Prozent an der Gesamtkörpermasse für gesund, bei Frauen einen Körperfettanteil von unter 30 Prozent. Wer darüber liegt, hat zu viel Fett im Leib. Durchtrainierte Männer haben einen Fettanteil von unter zwölf Prozent, Frauen von unter 20 Prozent.

Verfettete Organe: Die fetten Schlanken sind gesundheitlich besonders gefährdet, weil sich bei ihnen das Fett vor allem im Bauchraum ablagert. Man spricht auch von Eingeweidefett: Es häuft sich in den inneren Organen und um sie herum an. Dieses Eingeweidefett schüttet ständig große Mengen an Stoffen aus, die im Körper Entzündungen entfachen. Offenbar handelt es sich um eine noch nicht im Detail geklärte Reaktion des Immunsystems. Es drohen Stoffwechselstörungen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Schlimmstenfalls können ein unkontrolliertes Zellwachstum und Krebs die Folgen sein.

Nun ist schon lange bekannt, dass sich bei regelmäßigem hohem Alkoholkonsum eine Fettleber bilden kann. Darauf weisen auch die finnischen Forscher hin. Allerdings gibt es zunehmend auch die nicht-alkoholische Fettleber, und die ist auf einseitige Ernährung und Bewegungsmangel zurückzuführen. Der Ernährungswissenschaftler Professor Dr. Nicolai Worm von der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement in Saarbrücken erklärt, dass heute schon etwa 70 Prozent der erwachsenen Übergewichtigen eine Fettleber haben. Bei übergewichtigen Kindern sind es schon 30 Prozent. Auch fette Schlanke sind von verfetteten Lebern betroffen.

Bewegungsmangel: Die finnischen Wissenschaftler nahmen für ihre Studie den Lebensstil der Teilnehmer detailliert unter die Lupe. Dabei zeigte sich, dass die fetten Schlanken die gleichen Sünden begehen wie sichtbar übergewichtige Menschen: Sie bewegen sich zu wenig und essen falsch. Die Experten kritisieren die "hohe Aufnahme von Süßwaren". Gemeint sind zum Beispiel Schokolade, Kekse, Kuchen, Torten, Marmelade, Chips, Eis, Pudding sowie zuckerreiche und alkoholhaltige Getränke. Auch die männlichen schlanken Fetten fielen durch ihren hohen Konsum an Süßkram auf. Hinzu kommen zu viele Kohlenhydrate: Brot, Reis, Kartoffel, Nudeln. Frauen und Männern verzehren hingegen zu wenig Gemüse, Salate, Vollkornprodukte und Fisch. Es mangelt an Ballaststoffen und Eiweiß.

Der Fluch des Rauchens: Bei den fetten Schlanken kommt oft noch Rauchen als Risikofaktor dazu. Eine Studie der Universität Lausanne legt nahe, dass Rauchen sich auf die Verteilung der Fettpolster im Körper auswirkt. Das Fett wird nicht unter der Haut gelagert (subkutan), sondern im Bauchraum (viszeral). Dort entwickelt es viel stärkere schädigende Einflüsse auf den gesamten Organismus.

Um ihre gesundheitlichen Risiken deutlich zu verringern, geben Experten den fetten Schlanken die gleichen Empfehlungen wie den Übergewichtigen: Ernährungsumstellung (weniger Zucker, Kohlenhydrate, mehr Ballaststoffe und Eiweiße), vor allem aber mehr Sport, hauptsächlich Muskelaufbau. Ein regelmäßiges Krafttraining führt nicht nur zu einem straffen, schlanken Körper. Auch die Leistungsfähigkeit steigt, zum Beispiel beim Schleppen von Einkaufstaschen oder Getränkekisten und beim Treppensteigen. Zudem wird das Risiko orthopädischer Probleme wie frühzeitiger Gelenkverschleiß minimiert.

Krafttraining heilt: Leistungsfähige Muskeln stärken auch das Immunsystem, schützen die Körperzellen, kurbeln den Stoffwechsel an und fördern das Nervenwachstum. Erst vor wenigen Jahren hat die Wissenschaft entdeckt, dass eine starke Muskulatur die schädliche Wirkung, die von Fettpolstern ausgeht, bekämpft. Die dauerhafte Produktion entzündungs- und krebsfördernder Signalmoleküle in prallen Fettzellen lässt sich umkehren, wenn durch gesunde Ernährung und Sport die Fettpolster schwinden. Eine gut trainierte Muskulatur wirkt wie ein Gegenspieler des aggressiven Fetts.

Werden Muskeln im Training aktiviert, setzen sie Boten- und Signalstoffe (Hormone) frei. Forscher der Universität Stockholm haben diesen Stoffen den Namen Myokine gegeben, hergeleitet vom griechischen "mys" (Muskel) und "kinos" (Bewegung).

"Myokine entfalten in der Regel eine heilsame Wirkung", sagt Professor Dr. Wilhelm Bloch, Molekularmediziner an der Deutschen Sporthochschule in Köln. "Sie bekämpfen zum Beispiel Entzündungen im Körper, tragen zur Regeneration von Zellen bei und fördern sogar die Bildung neuer Verbindungen zwischen den Gehirnzellen."

Das Signalmolekül IGF-1 beispielsweise regt die Knochenbildung an, wenn es bei sportlicher Aktivität ausgeschüttet wird. Das haben Forscher der Berliner Universitätsklinik Charité gezeigt. Und es fördert den Muskelaufbau, was Forscher der Uni Bochum nachgewiesen haben. Ein durch körperliche Bewegung erhöhter IGF-1-Spiegel hilft auch, den Glukosespiegel zu kontrollieren. Und er wirkt sich positiv auf die Neurogenese aus, die Entstehung neuer Nervenzellen im Gehirn. Das haben Wissenschaftler der amerikanischen Harvard-Universität herausgefunden.

Trainiert man seine Muskeln, wird auch verstärkt das Molekül BDNF (Brain-Derived Neurotropic Factor - Nerven-Wachstumsfaktor) gebildet. Es schützt Nervenzellen, regt die Bildung neuer Zellen an, schützt vor Stoffwechseldefekten und kurbelt sogar den Energieverbrauch durch Fettverbrennung an.

Zum Thema:

Den BMI berechnen Der Body-Mass-Index (BMI) ist eine Maßzahl für die Bewertung des Körpergewichts eines Menschen in Relation zu seiner Körpergröße. Um den BMI zu ermitteln, multipliziert man seine Körpergröße in Metern mit sich selbst. Sein Gewicht teilt man durch das Ergebnis dieser Rechnung. Bei einem Gewicht von 81 Kilogramm und einer Körpergröße von 1,80 Meter ergibt sich: 1,80 Meter mal 1,80 Meter ergeben 3,24. Das Gewicht von 81 Kilogramm geteilt durch 3,24 ergibt einen BMI von 25.