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In Russland taut der Permafrostboden

Klimawandel : Mit dem Eis tauen auch alte Positionen

Wenn in Russland wegen des Klimawandels der Permafrostboden auftaut, werden die Folgen weltweit zu spüren sein – denn das macht den Klimawandel noch stärker.

Wenn der Klimawandel sich in Sibirien verstärkt auswirkt, ist davon nicht nur Russland betroffen. In weiten Landstrichen ist der Boden dort ganzjährig bis in große Tiefen gefroren. Mit steigenden Temperaturen taut er immer rasanter und tiefer; das ist eine der sichtbarsten Klimawandelfolgen. „Derzeit beobachten wir einen sehr schnellen Ablauf bestimmter Tauprozesse“, sagt der Geograf Mathias Ulrich (Universität Leipzig). Das könnte sich weltweit aufs Klima auswirken – und natürlich auch auf die Menschen in Sibirien selbst. Diese haben 2019 die Naturgewalten zu spüren bekommen. Monatelang brannte die Taiga, nur ein paar Autostunden vom Baikalsee entfernt gab es fast gleichzeitig sintflutartigen Regen und schlimme Überschwemmungen.

Fast zwei Drittel der Bodenfläche in Russland sind dauerhaft gefroren. Permafrost: In dieser riesigen Tiefkühltruhe liegen immense Mengen an Überbleibseln von Pflanzen und Tieren, die noch nicht von Mikroben zersetzt wurden. Die aber werden aktiv, sobald die Temperaturen steigen und der Boden aufweicht. Zu finden sind solche uralten Dauer­frostböden vor allem in Alaska, Kanada sowie im Osten und Norden Sibiriens. Sie reichen vom Nordpolarmeer bis teilweise zum Ural und in den Süden bis Kasachstan. Der Frost kann dort bis in eine Tiefe von einem Kilometer und mehr reichen.

Da die arktischen Winter wärmer und die Sommer länger werden, tauen inzwischen aber immer tiefere Erdschichten auf. Der Welt-Wetterorganisation (WMO) zufolge war 2019 das zweitwärmste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen 1880. Und auch in den Jahren vor 2019 gab es immer neue Temperaturrekorde. „Wir wissen heute, dass im dauergefrorenen Boden große Mengen an Kohlenstoff gebunden sind, wahrscheinlich etwa doppelt so viel wie derzeit in der Atmosphäre vorhanden sind“, sagt Ulrich. Wenn der Boden großflächig taue, öffne sich dieser Speicher. „Es würde zu enormen Treibhausgas-Emissionen kommen, die wiederum die derzeitige Klimaerwärmung noch verstärken würden.“

Wie groß die Auswirkungen letztlich werden, hängt davon ab, wie viel menschengemachtes Kohlendioxid (CO2) und Methan (CH4) in die Atmosphäre gelangen. „Die existierenden Permafrostmodelle sind derzeit in vielen Belangen langsamer in ihrer Reaktion auf die Erwärmung, als die Wirklichkeit der Beobachtungen uns zeigt“, sagt Guido Grosse vom Alfred-Wegener-Institut für Meeres- und Polarforschung in Bremerhaven. Sollten dort große Mengen Treibhausgase freigesetzt werden, wäre das Ziel, die Erderhitzung auf ein verträgliches Maß zu begrenzen, noch schwerer zu erreichen, prognostiziert der Professor für Permafrostforschung. Genaue Vorhersagen sind auch deshalb schwierig, weil der Mensch den Ausstoß etwa von Kohlendioxid in Industrie oder Verkehr steuern kann. Eine Reduzierung würde nach Ansicht von Grosse dabei helfen, „dass der Permafrost weniger taut“.

Der Ausstoß dort wiederum könne angesichts der großen Flächen gefrorenen Bodens nicht kontrolliert werden, so Grosse. Vor einem möglichen Dominoeffekt warnt auch das UN-Umweltprogramm Unep. Forscher der russischen Universität Tomsk haben zusammen mit ihren Kollegen aus anderen Ländern erst im Januar ermittelt, dass die durchschnittliche Jahrestemperatur in Sibirien in den vergangenen 50 Jahren um fast vier Grad gestiegen ist. Russlands Kühltruhe wird demnach weiter auftauen. Jelena Parfjonowa vom Forstinstitut der Russischen Akademie der Wissenschaften in Krasnojarsk schätzt, dass die Dauerfrostfläche bis zum Jahr 2080 um 25 Prozent schrumpfen könnte, wenn der Ausstoß von Treibhausgasen nicht verringert werde. Bislang ist sie 30 Mal so groß wie Deutschland.

Dass der Permafrost empfindlich ist, zeigten Wissenschaftler der Universität Oxford kürzlich einmal mehr in einer Studie. Sie sehen einen Zusammenhang zwischen dem Schmelzen des Arktis-Eises und dem Aufweichen dieses Bodens. „Ein solcher Verlust von Meereis führt wahrscheinlich zu einer Beschleunigung des Auftauens von Permafrost in Sibirien“, schreiben sie in der Fachzeitschrift Nature. Wenn das Meer eisfrei ist, so die Wissenschaftler, könne die Luft mehr Feuchtigkeit aufnehmen und Sibirien Schnee im Herbst bringen. Dadurch könne extremer Frost nicht mehr so tief in den Boden dringen.

Ganze Landstriche in Sibirien könnten sich verändern, wenn der Boden auftaut und dabei absackt oder Berghänge abrutschen. „Mit dem Abtauen von eisreichem Permafrost wird lokal jedwede Infrastruktur – Gebäude, Straßen, Landebahnen, Pipelines – beschädigt oder in der Erhaltung massiv teurer“, sagt Grosse. Auch der Kreml warnte unlängst, mit der Erderwärmung drohten in einigen Regionen Russlands mehr Naturkatastrophen.

Doch es gibt auch noch ganz andere Folgen: Der tauende Boden gibt immer wieder sensationelle Funde frei. Mammuts, Pferdefossile, prähistorische Welpen zum Beispiel. 2013 wurden die Überreste eines ausgestorbenen Elefanten mit erhaltenem Muskelgewebe und Blut gefunden. Forscher, die den Spuren urzeitlichen Lebens nachgehen, sind begeistert. „Das ist gut für uns“, meint der Paläontologe Albert Protopopow von der Akademie der Wissenschaften von Jakutien im Nordosten Russlands. „Wir versuchen, schnell Fossilien zu finden.“ Denn aufgetaut an der Luft liegende Überreste verwesen rasch und gehen für immer verloren. Denn die Bakterien warten nicht lange und beginnen sofort – unter Freisetzung von Methan – mit der Arbeit.

Erstaunliche Entwicklungen gibt es inzwischen auch in Moskau. Kremlchef Wladimir Putin wandte sich kurz vor Weihnachten mit deutlichen Worten an seine Landsleute: „Wir müssen alles tun, was wir können, um den Klimawandel zu stoppen.“ Erstaunlich, weil Putin sich vor drei Jahren noch als Klima-
skeptiker präsentierte. Er bezweifelte den menschlichen Einfluss auf das Klima und brachte „globale Naturzyklen“, insbesondere die schwankende Erdachse, als Ursache der globalen Erwärmung ins Spiel. 2003 hatte Putin gar noch gewitzelt, ein paar Grad mehr sparten Geld für Pelzmäntel. Andere Russen träumten von einer neuen Kornkammer Sibirien.

Im Sommer 2019 wurden weite Teile Sibiriens von Fluten überschwemmt, während in anderen Flächenbrände wüteten. Foto: picture alliance/dpa/TASS/dpa

Als im vergangenen Sommer dann das Extremwetter, die schweren Überflutungen und Brände
Sibirien heimsuchten, dauerte es nur Wochen, ehe Dmitri Anatol-
jewitsch Medwedew, damals Ministerpräsident der Russischen Föderation, das Pariser Klimaabkommen von 2015 ratifizierte. Das war nach der Skeptiker-Vorgeschichte eine politische Überraschung. Medwedew kündigte an, dass Russland, viertgrößter CO2-Emittent der Erde, nun verstärkt aufforsten und die Luftverschmutzung bekämpfen wolle. Ob dazu auch eine radikale CO2-Verringerung gehören wird, blieb aber offen. Noch deckt die Rohstoff-Großmacht mit dem Verkauf von Öl, Gas und Kohle die Hälfte ihres Staatsbudgets. Auch das Klimabewusstsein in der Bevölkerung ist derzeit noch eher bescheiden; Klimaschützer wie die von „Fridays for Future“ sind selten und werden bestenfalls als Spinner belächelt.