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Radeln im Reich der Rotweine

Ahrtal : Radeln im Reich der Rotweine

Die Landschaft des Ahrtals ist geprägt von schroffen Felsen und sanften Hügeln, von Weinterrassen und malerischen Flussauen.

Wer das Ahrtal erleben will, der rollt auf dem Ahr-Radweg flussaufwärts von Ahrweiler bis Altenahr oder noch eine Etappe weiter bis nach Ahrbrück. Das sind hin und zurück 36 Kilometer – eine Tagestour auf dem Rad ins Reich der Rotweine.

Gut gekennzeichnet verläuft der Ahrtal-Radweg von Ahrweiler aus neben dem Flüsschen entlang. Das entspringt in der Eifel, in Blankenheim hinter einer Hausfassade, hat sich seinen Weg über viele Jahrtausende in zahlreichen Schleifen und Windungen durch eine Felslandschaft von Schiefer und Vulkangestein zum Rhein hinunter gebahnt.

Anfangs bei Walporzheim noch ein breites Tal, rücken die düsteren Felsen vor Dernau immer enger zusammen. Auf der Nordseite des Tales liegen die terrassenartigen Rebgärten in bester Sonnenlage nach Süden ausgerichtet. Kleine und kleinste Parzellen, auf denen die Trauben für den Spätburgunder heranreifen. Mit Maschinen lassen sich die Weingärten an den steilen Hängen nicht bearbeiten. Jede Traube wird mühsam von Hand gelesen.

Es ist heiß im Talkessel, unbarmherzig knallt die Sonne auf die Radtouristen. 1500 Sonnenstunden verzeichnen sie jährlich im Ahrtal, ein Klima wie am Mittelmeer. Gut, das der Fahrtwind beim Radeln ein wenig Abkühlung verschafft.

Kleiner Abstecher nach Marienthal: 1137 gründeten die Augustinerinnen hier ein Kloster und betrieben Weinbau. Doch Anfang des 19. Jahrhunderts endete das Klosterleben in der Folge der Säkularisation: Die Abtei wurde abgebrochen, die Steine verkauft. Wechselvoll ist die weitere Geschichte von Marienthal. Erst preußische Staatsdomäne, ab 1952 Teil der Staatlichen Weinbau Lehr- und Versuchsanstalt Bad Neuenahr-Ahrweiler, wird Marienthal inzwischen von Ahrtalwinzern betrieben.

Flammkuchen und die Gutsweine servieren sie heute in den Mauern der ehemaligen Klosterkirche, die ein beliebter Treffpunkt für viele Ausflügler an der Ahr ist.

Weiter führt die Radeltour durch Dernau nach Rech. Langsam und stetig führt die Strecke hier bergan, parallel zum Schienenstrang der Ahrtalbahn. 274 Höhenmeter sind es insgesamt von Ahrweiler bis Ahrbrück. Mit der Ahrtalbahn kann man samt Fahrrädern von dort zurückreisen.

Wer bis Altenahr radelt, landet mitten in der touristischen Vergangenheit. Musik und Tanz samt Karaoke bieten sie dort in den Gaststätten am Wochenende. Das erinnert an die 1950er Jahre, als Sonderzüge aus dem Ruhrgebiet mit Feierwütigen ins Ahrtal rollten.

Diese Zeiten sind an der Ahr vorbei. Heute kommen Radtouristen und auch Wanderer auf den 35 Kilometer langen Rotweinwanderweg zwischen Ahrweiler und Bad Bodendorf, die den Spätburgunder mit den Fruchtaromen aus Blaubeeren, Trockenfrüchten, Erdbeeren und Kirschen schätzen. Weingüter wie etwa Adeneuer in Bad Neuenahr, Meyer-Näkel, Kreuzberg, die Winzergenossenschaft Dagernova in Dernau, Jean Stodden in Rech, das Weingut Marienthal und die Winzergenossenschaft Mayschoß-Altenahr gelten als Erzeuger der kostbaren Tropfen.

Wenn das Wetter wider Erwarten weder zum Radeln noch zum Wandern einlädt, gibt es im Ahrtal einiges zu sehen. Die Römervilla in Ahrweiler sollte man besucht haben. Erst in den 1980er Jahren beim Ausbau der Bundesstraße 267 entdeckt, vermitteln die Mauern aus dem ersten bis zweiten Jahrhundert n. Chr einen Eindruck vom Leben jener.

Nur ein paar hundert Meter entfernt gibt es einen weiteren Zeitsprung, dieses Mal in unsere jüngere Vergangenheit. Dort steht die die Dokumentationsstätte Regierungsbunker. Der Bau entstand ab 1959 als streng geheimes Projekt in zwei ehemaligen Eisenbahntunneln zwischen Ahrweiler und Marienthal. Unter dem Decknamen „Bundesamt für Zivilschutz, Dienststelle Marienthal“ war der Bunker ab 1971 als „Ausweichsitz der Verfassungsorgane der Bundesrepublik, Deutschland in Krise und Krieg“ vorgesehen. Bundespräsident, Kanzler, Minister und leitende Beamte hätten sich im Fall der Fälle aus der Bundeshauptstadt Bonn ins nahe Ahrtal zurückgezogen.

Über 17 Kilometer misst das unterirdische Labyrinth mit seinen Gängen und saalähnlichen Räumen; auf rund 200 Metern wurde im März 2008 die Dokumentationsstätte Regierungsbunker für Besucher eröffnet. Die Rückschau auf die jüngere Geschichte gibt nebenbei Einblicke in die Technik von damals – auf Telefone mit Drehwählscheiben und Fernschreiber, an dem noch die Telexfahnen mit der Anweisung hängen: „Kaufen Sie jede Woche vier gute bequeme Pelze xy 12345467890“. Der Grund für diesen scheinbar sinnfreien Satz: Er enthält alle Zeichen des Alphabetes und war daher zum Funktionstest geeignet.

Reisekarte Bad_Neuenahr-Ahrweiler Foto: SZ/Steffen, Michael

Die Büroräume von Bundespräsident und Kanzler, deren Schlafräume, Krankenstation, Fernsehstudio und Frisörsalon können ebenfalls besucht werden. In der Leitzentrale der Untertageanlage zeigen die Uhrzeiger auf fünf vor Zwölf, dem Ernst der Lage zu Zeiten des Kalten Krieges angemessen.