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Die Weinmetropole Bordeaux ist trendy geworden

Bordeaux : Die Weinmetropole an der Garonne

Bordeaux ist mit seinen Rotweinen seit jeher in aller Munde. Zum Trend-Reiseziel hat sich die Stadt in Frankreich erst jüngst entwickelt.

Wenn sie Bilder aus ihrer Kindheit ansieht, fällt Aurélie Chopy nichts Gutes zur ihrer Heimatstadt ein. „Bordeaux war dreckig und schwarz“, erinnert sie sich. Über dem Glanz vergangener Zeiten lag eine Patina aus Vergessen, Gleichgültigkeit und Verwahrlosung. Die Handelsstadt an der Garonne war zwar  getragen von dem Geschäft mit den weltberühmten Bordeaux-Weinen wirtschaftlich erfolgreich, doch von der Zeit gezeichnet. Alte Hafen- und Fabrikanlagen störten das Stadtbild empfindlich.

Um die Jahrtausendwende setzte ein Großreinemachen ein, angetrieben von visionären Köpfen und Plänen für die Stadtentwicklung, umgesetzt von Kränen, Baggern und Abrissbirnen. Wo vorher Lagerhäuser an der Garonne den Blick und Zugang versperrten, entstanden nun Flanierpromenaden, Cafés, Restaurants und Boutiquen.

„Die Atmosphäre hat sich komplett verändert“, sagt Stadtführerin Chopy. Bordeaux ist in Mode gekommen, erfasst vom Sog einer Aufbruchstimmung, wie sie auch in anderen Städten Europas herrscht, ob sie nun Tallinn oder Belgrad heißen. Das ist zu sehen zum Beispiel im Viertel Bacalan, wo brandneue Straßenzüge und Wohnblocks entstehen und seit Mitte 2019 das Musée Mer Marine die Museumslandschaft mit einem Querschnitt durch die Schifffahrtsgeschichte bereichert. Auf der anderen Seite ist in Bordeaux kein Baubestand zu schäbig und kein Hinterhof zu dunkel, als dass dafür nicht eine Neunutzung in Betracht käme.

 So ist aus dem U-Boot-Bunker, den die deutschen Besatzer im Zweiten Weltkrieg bauten, ein Kunstzentrum erwachsen, das mit den Bassins de Lumières eine große Multimedia-Installation zeigt. Ein Kasernengelände hat seine Umwidmung als hipper Hotspot „Darwin“ mit Skateparks und urbaner Landwirtschaft erlebt. Davor stand jedoch ein jahrelanger Kampf gegen die Behörden, wie Gründer Philippe Barre erzählt. Er hatte mit Partnern in einer verlassenen Sporthalle bereits Coworking praktiziert, ehe der Begriff überhaupt existierte. Freiberufler und kleine Startups arbeiten dort nebeneinander in größeren, meist offenen Räumen und profitieren voneinander.

Als er dann ein Zentrum für Konzerte und Ausstellungen suchte, stieß er auf das verwaiste Militärgelände gegenüber der City. Ein Skatepark war die Keimzelle von „Darwin“, gefolgt von Werkstätten, ökologischer Gastronomie und einer alternativen Schule. Mittlerweile gibt es dort jährlich um die 200 Veranstaltungen, Märkte und Feste ebenso wie Debatten zum Konsumverhalten oder zum Klima.

Die heutige Entdeckung der alten Weinmetropole ist eigentlich eine Wiederentdeckung – denn schon früher schwärmten die Menschen von ihr. Für den Dichter Marie-Henri Beyle alias Stendhal (1783-1842) war Bordeaux „unbestritten die schönste Stadt Frankreichs“. Sein Zeitgenosse Victor Hugo (1802-1885) schwärmte: „Nehmen Sie Versailles, fügen Sie Antwerpen hinzu, und Sie haben Bordeaux.“

Um die sechs Millionen Touristen strömen pro Jahr nach Bordeaux mit seinen 250 000 Einwohnern. Klassiker im Besichtigungsprogramm sind die Kathedrale, das Theater, der Turm der Basilika Saint-Michel, der Uhrturm Grosse Cloche und der Miroir d‘eau, der Wasserspiegel, in dem die historischen Fassaden um den Börsenplatz baden.

Das Weinmuseum Cité du Vin hat eine avantgardistische Form, welche die Dynamik des Weins in einem geschwenkten Glas symbolisiert. So wollen es die Architekten Anouk Legendre und Nicolas Desmazières zumindest verstanden wissen. Draußen schillern Aluminium und Glas, im Museum warten ein Themenparcours, interaktive Stationen und Kostproben in der Aussichtsetage. Im Museum gibt es einen Degustationsworkshop. Für Amateurtrinker vertieft Weinführerin Marilyn Ramsay in einem nüchternen Rundraum die Kenntnisse zu Anbaugebieten und Aromen. In ihrer Freizeit konsumiert sie moderat, „im Schnitt zweimal pro Woche“, aber dann richtig: mit gehaltvollen Roten.

Schick geht es in den Weinbars der Markthalle Bacalan zu, charmant auf Altstadtplätzen, bodenständig auf dem Wochenmarkt Marché de Capucins. Oasen sind der Stadtpark und der See mit Sandstrand. Überall steigen Attraktivität und Lebensqualität, Bordeaux wächst und wächst. Da der Schnellzug nach Paris nur noch zwei Stunden braucht, scherzen manche, Bordeaux sei eine Pariser Vorstadt. Dabei ist es selbst längst eine Spitzendestination.

(dpa)