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Cybermobbing ist ein Problem, nicht für Schüler, auch für Berufstätige

Cybermobbing : Wenn das vernetzte Leben zur Qual wird

Cybermobbing greift immer mehr um sich. Nicht nur Schüler, sondern auch Arbeitnehmer sind davon betroffen.

Einen Tag nach dem Tod eines elfjährigen Mädchens aus Berlin, dessen mutmaßlicher Selbstmord eine Folge von Mobbing gewesen sein soll, veröffentlichte Peter Sommerhalter ein Video auf Facebook. Darin zeigt sich der Präventionsleiter des Bündnisses gegen Cybermobbing erschüttert. Das Problem werde bagatellisiert, sagt er, obwohl seit Jahren bekannt sei, dass Diffamierungen, Nötigungen, Beleidigungen und Belästigungen im Netz um sich griffen. „Unsere Gesellschaft schaut weg, alle reden darüber, aber es wird zu wenig getan“, beklagt er.

Dass die Wirkungskraft von Cybermobbing oft unterschätzt wird, legen die Ergebnisse einer Untersuchung nahe, die das Bündnis vor zwei Jahren durchgeführt hat. Demnach gaben 1,4 Millionen Kinder und Jugendliche an, schon einmal von dieser Form der Feindseligkeit betroffen gewesen zu sein. 30 Prozent von ihnen hätten noch immer mit den Folgen zu kämpfen, ein Viertel von ihnen offenbarte, im Rahmen der Tyranneien zu Alkohol oder Tabletten gegriffen zu haben. Ein ebenso großer Anteil erklärte, sehr darunter gelitten und sogar an Selbstmord gedacht zu haben. Gleichzeitig gab jeder vierte Täter an, er mobbe seine Mitschüler „nur zum Spaß“, knapp jeder zweite war der Überzeugung, sein Opfer „habe es verdient“, einige nannten „Langeweile“ als Motiv.

Für die Angreifer mag es nur ein Spaß sein, für viele Betroffene ist Cybermobbing höllisch. Sie hätten mitunter langfristig unter den Folgen zu leiden, sagt Sommerhalter. Denn es gebe beim virtuellen Drangsalieren kein Entkommen, keinen privaten Rückzugsort mehr. „Früher kannte man in der Regel die Täter, man konnte ihnen aus dem Weg gehen. Beim Cybermobbing bieten die eigenen vier Wände keinen Schutz mehr“, erklärt der Pädagoge. Die Hemmschwelle sei niedriger, Täter verschleierten im Netz ihre Identität. Laut Sommerhalter dreschen sie anonym auf ihre Opfer ein und ermutigen Unbeteiligte dazu, mitzumachen. Wer und wie viele Menschen hinter den Angriffen stünden, sei für die Betroffenen nicht mehr nachzuvollziehen.

„Sicher ist nur, dass ein unüberschaubares Publikum die Anfeindungen mitbekommt. Das erhöht das Schamgefühl und den Leidensdruck enorm“, konstatiert der Pädagoge. Ein weiteres Problem sei, dass das Netz niemals vergesse. Sei ein Gerücht oder beleidigendes Material erst einmal im Internet gelandet, lasse es sich so schnell nicht wieder entfernen. Sommerhalter erinnert sich an einen Fall, bei dem der Ex-Freund einer Schülerin kurz nach ihrer Trennung aus Rache freizügige Fotos von ihr bei Facebook hochgeladen hat – mit einer von ihm erstellten „Preisliste“ und der Information, dass sie für „Partys zu buchen sei“. Doch nicht nur das: Er habe auch die private Telefonnummer und die Anschrift des Mädchens im Internet öffentlich gemacht. „Ihr Handy klingelte kurz darauf ununterbrochen, fremde Männer standen vor ihrer Haustür und bezogen sich auf ihr vermeintliches Angebot im Netz“, sagt Sommerhalter. Das sei noch eines der harmloseren Beispiele, erklärt der Pädagoge, der mehrmals im Jahr mit dem Präventionsprogramm „Wir alle gegen Cybermobbing“ bundesweit an Schulen unterwegs ist und oft auch Schülern, Eltern und Lehrern zur Seite steht. „Man kann sich gar nicht vorstellen, was sich einige Kinder und Jugendliche ausdenken, um andere zu schikanieren, wie viel Energie die da rein stecken“, sagt Sommerhalter

Soziale Netzwerke sind im Alltag von Kindern und Jugendlichen mittlerweile fest verankert. Laut der jüngsten Studie Jugend, Information und Medien (JIM) nutzen 95 Prozent der Zwölf- bis 19-Jährigen regelmäßig den Kurznachrichtendienst Whatsapp, 51 Prozent die Fotoplattform Instagram und 46 Prozent den Kurznachrichtendienst Snapchat. Facebook landet mit acht Prozent nur auf dem vierten Platz der meistgenutzten sozialen Netzwerke.

Whatsapp werde unter Kindern und Jugendlichen auch am häufigsten zum Mobben verwendet, sagt Sommerhalter. Bereits Grundschüler erstellten dort Gruppen mit Namen wie „Alle hassen Tom“ oder „Lena ist hässlich“. Hassnachrichten würden rund um die Uhr ausgetauscht, manchmal ganze Hetzjagden organisiert. Im Rahmen der JIM-Studie wurden die insgesamt 1200 Teilnehmer zwischen zwölf und 19 Jahren auch gefragt, ob und in welcher Form sie von Cybermobbing betroffen waren. Dabei gaben 19 Prozent an, dass schon einmal falsche oder beleidigende Inhalte über sie im Internet verbreitet wurden. 34 Prozent erklärten, mitbekommen zu haben, dass andere aus ihrem Bekanntenkreis online gedemütigt wurden. 21 Prozent der Befragten werden laut der Untersuchung regelmäßig zur Zielscheibe von Hassrednern.

Wer sind die Täter? Forscher der Universitäten Münster und Hohenheim haben bereits 2013 in einer Untersuchung mit mehr als 5600 Schülern herausgefunden, dass eine klare Unterscheidung zwischen Tätern und Opfern beim Cybermobbing nicht mehr möglich ist. So berichtete ein Drittel der Befragten, schon einmal selbst gemobbt worden zu sein, gleichzeitig aber auch andere über das Internet fertiggemacht zu haben. In der Studie wurde das Cybermobbing auch mit traditionellem Schulmobbing verglichen. Dabei zeige sich, dass das Verhältnis zwischen Tätern und Opfern ein anderes ist. „Das Verhältnis ist beim Cybermobbing deutlich zur Mischkategorie hin verschoben. Dieses Ergebnis deutet darauf hin, dass sich das Internet besonders gut für Racheaktionen eignet, wenn man selbst Opfer wurde“, erklärt Projektleiter Thorsten Quandt vom Institut für Kommunikationswissenschaft der Universität Münster.

Wer allerdings glaubt, dass Cybermobbing ein alleiniges Phänomen der Schulen ist, der irrt. Auch immer mehr Berufstätige müssen Anfeindungen und Demütigungen übers Internet erleiden, wie die jüngste Umfrage des Bündnisses gegen Cybermobbing mit 4000 Erwachsenen ab 18 Jahren zeigt. So seien mittlerweile acht Prozent der Arbeitnehmer in Deutschland von Cybermobbing betroffen, 30 Prozent hätten mit körperlichen und verbalen Angriffen am Arbeitsplatz zu kämpfen.

Was können Betroffene tun? Niemals auf die Angriffe reagieren, die Täter direkt blockieren und sich Hilfe suchen, etwa bei der Familie oder Freunden, rät Peter Sommerhalter. „Man sollte sich nicht schämen, sondern aktiv werden und sich bewusst machen, dass sich das Problem nicht von selbst löst, sondern die Unterstützung von anderen unbedingt notwendig ist.“ Eine Beratung über das Internet oder per Telefon gibt es unter anderem auch bei ­Juuuport­.­de, einem gemeinnützigen Verein, der sich für einen respektvollen Umgang im Internet einsetzt, und bei save-me-online.de. Sommerhalter sagt auch: „Oft handelt es sich um Straftaten, die zur Anzeige gebracht werden können.“ Das schließe massive Beleidigungen, Drohungen und Verletzungen des Persönlichkeitsrechts mit ein, wenn etwa private Bilder unerlaubt im Internet veröffentlicht würden. „In solchen Fällen ist es wichtig, alles so gut wie möglich zu dokumentieren und mit den Beweisen zur Polizei zu gehen“, erläutert Sommerhalter. Die Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes rät zum Schutz vor Cybermobbing außerdem, möglichst wenig persönliche Informationen von sich im Netz preiszugeben. „Nichts aber ist wichtiger als Prävention. Hier sind vor allem die Bildungseinrichtungen in der Pflicht, sie müssen ein klares Zeichen gegen Mobbing und Cybermobbing setzen, Lehrkräfte, Eltern und Schüler dafür sensibilisieren, nach außen zeigen, dass ein solches Verhalten in unserer Gesellschaft nicht geduldet wird“, sagt Sommerhalter.