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Nach ungeklärtem Tod einer Berliner Schülerin Debatte über Mobbing

Tod einer Schülerin in Berlin : Wenn Mobbing Schule macht

Es passiert in der Klasse und im Netz: Der Tod einer Elfjährigen in Berlin schürt die Debatte über Gewalt unter Schülern. Experten fordern mehr Hilfen.

(dpa) An dieser Berliner Grundschule ist derzeit nichts wie es war. Eigentlich könnten die Schüler derzeit unbeschwerte Tage verbringen, es sind Winterferien. Stattdessen brennen Kerzen vor der Pforte, Blumen und Stofftiere liegen auf der Treppe, jemand hat auf einen Zettel einen Engel gemalt. „Im Himmel wirst Du glücklich sein“, steht auf einem Blatt Papier, Passanten halten inne. Eine elfjährige Schülerin der Hausotter-Grundschule ist tot. Sie soll sich das Leben genommen haben, weil sie von Mitschülern gemobbt worden sein soll. Elternvertreter berichten in Medien von einem Mobbingproblem an der Schule, das seit längerem bestehe. Der Fall erschüttert – nicht nur in der Hauptstadt.

Allerdings ist bislang weder der Suizid bestätigt, noch gibt es zu Motiv oder Hintergründen offizielle Angaben. Gleichwohl wirft der Fall im Berliner Bezirk Reinickendorf ein Schlaglicht auf ein Problem, mit dem sich viele Schüler in Deutschland konfrontiert sehen: auf das Mobbing, also stetige, Wochen oder Monate dauernde psychische oder körperliche Gewalt durch Mitschüler. Die Folgen bei Opfern sind oft fatal. Leistungsabfall, Angst vor der Schule, Depressionen können dazu gehören – in schweren Fällen Suizidgedanken.

Nach Einschätzung des Potsdamer Mobbing-Forschers Sebastian Wachs kommt Mobbing an jeder Schule vor. „Schätzungen zufolge sind etwa zehn Prozent der Schüler betroffen – als Opfer, Täter oder beides“. 2017 ergab eine Untersuchung im Rahmen der internationalen Pisa-Studie, dass in Deutschland fast jeder sechste 15-Jährige (15,7 Prozent) regelmäßig Opfer teils massiver körperlicher oder seelischer Misshandlung durch Mitschüler wird. In einer anderen Studie, Cyberlife II, gaben im selben Jahr ein Viertel der befragten Schüler an, schon einmal von Mobbingattacken betroffen gewesen zu sein. Gut die Hälfte davon (13 Prozent) fühlten sich als Opfer von Cybermobbing, einer digitalen Spielart: Statt auf Schulflur oder Pausenhof geschubst, erpresst oder geschlagen zu werden, passiert das Mobbing im Netz. Über Whatsapp-Gruppen oder andere Kanäle werden Opfer übel beschimpft, Lügen und Gerüchte werden in die Welt gesetzt – gerne anonym.

Lehrer oder Eltern bekommen solche Attacken über das Netz oft überhaupt nicht mit. Viele haben keinen Einblick in die digitalen Para­llelwelten, in denen sich die Kids bewegen. „Es gibt viele Gründe, da genauer hinzuschauen“, mahnt Norman Heise, der in Berlin den Landeselternausschuss leitet. Und sieht dabei nicht zuletzt die Eltern in der Pflicht: „Es kann nicht sein, dass sie ihren Kindern ein Smartphone schenken und den Rest dann der Schule überlassen.“

Auch in den Schulen sehen Fachleute Handlungsbedarf. Aus Sicht des Forschers Wachs sollten Anti-Mobbing-Programme an allen deutschen Schulen die Regel sein – nach dem Vorbild skandinavischer Länder. „Wir sind in Deutschland in so vielen Bereichen ambitioniert, aber Anti-Mobbing-Programme sind hier keine Pflicht.“ Krisenhelfer seien zwar eine schöne Sache. Sie würden aber oft erst zu spät gerufen. Zudem sei die Hemmschwelle für Schulen groß, weil sie dann nach außen bekennen müssten, dass es Probleme gibt.

Die Bildungsgewerkschaft GEW sieht hier mehrere Ansätze. „Lehrer müssen besser in die Lage versetzt werden, diese Dinge überhaupt zu erkennen, etwa durch Schulungen“, fordert Ilka Hoffmann, im GEW- Bundesvorstand für die Schulen zuständig. Zudem müssten sie im Umgang mit Mobbing gestärkt werden und mehr Zeit abseits des Unterrichts haben, etwa für Gespräche mit Schülern.

Die Politik scheint die Brisanz des Themas erkannt zu haben. Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) schickte im Vorjahr 200 sogenannte Respect Coaches an Schulen, gegen Hass, Gewalt und Mobbing. Ein ähnliches Programm startet Berlin auf Landesebene, zusätzlich zum Angebot von Schulpsychologen und Krisenhelfern, die ohnehin für jede Schule Pflicht sind.