Auch ältere Menschen haben "Let's Plays" für sich entdeckt

Wachsender Trend : Wenn Senioren zu Zockern werden

Auch ältere Menschen spielen am Computer. Ihre Reaktionen halten sie für Online-Videos mit der Kamera fest.

Wenn Evelyn Gundlach (87) und Ursula Cezanne (80) in Berlin unterwegs sind, kann es passieren, dass Schulklassen sich mit ihnen ablichten lassen wollen. Die beiden sind vor allem unter jüngeren Menschen beliebt geworden. Wie das? Gundlach und Cezanne machen mit beim Youtube-Kanal „Senioren zocken“. Dort finden Nutzer Videos, in denen Rentner Computerspiele vor der Kamera ausprobieren. So wollen die Produzenten die ehrlichen Reaktionen der Senioren festhalten. „Let’s Plays“ werden solche Videos genannt, die Menschen einfach beim Zocken von Videospielen zeigen. Mit dem Projekt haben die Rentner inzwischen sogar den Digital-Preis der Goldenen Kamera gewonnen.

Gundlach und Cezanne sind Freundinnen. Kennengelernt haben sie sich bei einem Opern-Casting, wie sie erzählen. Sie hätten schon als Komparsinnen gearbeitet und daher Erfahrung mit dem Rampenlicht. Doch Computerspiele stellen die älteren Damen vor neue Herausforderungen. So falle es ihnen schwer, gleichzeitig auf den Bildschirm zu schauen und die Knöpfe zu drücken.

Zu Gundlachs Favoriten gehört „Mario Kart“, ein Videospiel, in dem Figuren aus der
„Super-Mario“-Serie in Gokarts um die Wette fahren. Ebenso habe sie das Autorennspiel „Forza Horizon 4“ genossen. Nur Spiele, in denen es ums Schießen geht, möge sie gar nicht. „Mit sowas spielt man nicht“, sagt Gundlach. Cezanne hingegen erinnere sich noch daran, wie sie voller Angst im Luftschutzbunker saß. Aber die Angst wolle sie überwinden, sagt sie, und eben auch Spiele mit Gewaltdarstellungen testen, damit die Jugendlichen ihre Meinung dazu hören.

Die Produzenten der Online-Videos sind Joschka und Sebastjan, die als Macher hinter den Kulissen bleiben wollen. Die Spiele kauften sie selbst, erzählt Sebastjan. 120 Videos haben sie bereits gedreht. Der Kanal trägt sich den Machern zufolge dank Werbung und wird von anderen Projekten mitfinanziert.

Evelyn Gundlach bekommt bei den Dreharbeiten eine Wärmflasche für ihre kalten Füße. Heute geht es um das Cowboy-Spiel „Red Dead Redemption 2“. Den Titel vorzulesen, ist für Ursula Cezanne bereits die erste Herausforderung. In dem Spiel muss sich die Rentnerin durch den Wilden Westen schlagen.

Als grimmiger Revolverheld Arthur Morgan fährt Cezanne mit der Kutsche durch den Wald und landet prompt im Gestrüpp. Sie braucht ein paar Anläufe, bis sie es in den nächsten Saloon geschafft hat. Ihre Wangen glühen. „Ich bin fix und alle schon wieder.“ Sie fand das Spiel schwer, aber schön, sie mochte die Landschaft. Geschossen hat sie lieber nicht.

Als Cezanne danach mit Gundlach ein anderes Spiel spielt, kriegen sich die beiden kaum ein. An den Fernseher angeschlossen ist die Spielekonsole „Nintendo Switch“. Die Spiele lassen sich auf der Konsole mit speziellen Geräten steuern, die auf die Handbewegungen der Spieler reagieren. Bei einem solchen Spiel müssen die beiden Seniorinnen Bewegungen in der Luft vollführen, um auf dem Bildschirm Kühe zu melken oder sich zu rasieren. Ob es Videospiele in Altenheimen geben sollte? Unbedingt, finden sie.

Auch die Wissenschaft sieht das so. In Norddeutschland gab es schon ein Modellprojekt in Pflegeheimen, in dessen Rahmen sich ältere Menschen mit Computerspielen fit halten sollten. Die Ergebnisse des Hamburger Projekts seien vielversprechend gewesen, berichtet die Barmer-Krankenkasse. Es solle nun in etwa 100 weiteren Pflegeeinrichtungen zum Einsatz kommen. Am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf wird untersucht, ob ein spezielles Postboten-Spiel bei einer Vorstufe der Demenz helfen kann.

Die Altersforscherin Adelheid Kuhlmey von der Berliner Charité verweist auf die guten Erfahrungen, die es bei Demenzkranken und der Nutzung von Tablet-Computern gebe. Wenn sich Patienten etwa auf den Geräten alte Fotos ansehen würden, könnte dies deren Erinnerung wieder in Gang bringen. Ebenso könnten Demenzkranke ein Gefühl von Sicherheit bekommen, wenn die Tochter auf Weltreise sei und mit der Mutter per Videoanruf sprechen könne.

Computerspiele könnten kranken Menschen ebenso helfen, das Gedächtnis in Schwung zu bringen. Mediziner könnten mit den Daten den Verlauf des Gedächtnisverlusts beurteilen. Auch gesunde Menschen sollten sich laut Kuhlmey mental fit halten: „Das Gehirn ist wie ein Muskel, den man trainieren kann.“ Die moderne Technik dürfe alte Menschen nicht ausgrenzen, meint die Soziologin. „Die Zeit, in der man speziell für alte Menschen etwas entwickelt hat, sollte vorbei sein“, sagt Kuhlmey.

Evelyn Gundlach mag nicht nur die Computerspiele im Studio, sie spielt auch privat Zuhause, etwa Rommé oder Solitaire. Sie habe fünf Enkel und drei Urenkel, die seien ganz stolz. Aber was die Leute daran witzig finden, anderen im Internet beim Spielen zuzusehen, sei ihr nach wie vor schleierhaft. In ihrer Familie ist die 87-Jährige die Einzige, die sich für Computerspiele begeistert. „Ich bin heilfroh, dass ich das machen kann. Ich möchte es nicht mehr missen.“

(dpa)
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