1. Sport
  2. Fußball
  3. 1. Bundesliga

Trainer unter Druck: Ausraster in der Bundesliga häufen sich

Ausraster in der Bundesliga häufen sich : Medien dienen Trainern als Ventil

Ausraster in der Bundesliga haben zugenommen. Sportpsychologen wundert das nicht.

(sid) Huub Stevens beleidigte einen Journalisten, Dieter Hecking brach ein Schmoll-Interview ab, Pal Dardai witterte gar eine Verschwörung in den Medien: Die vielen Trainer-Ausraster am vergangenen Wochenende zeigen, dass die Nerven im Saisonendspurt der Fußball-Bundesliga mancherorts blank liegen. Aus sportpsychologischer Sicht sind die verbalen Scharmützel mit der Presse zumindest erklärbar.

„Es ist eine extreme Belastung, da geht es um Existenzängste. Wenn der Reporter dann eine Frage stellt, die der Trainer als unangebracht empfindet, ist das oft der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt“, sagte Sportpsychologin Dr. Jeannine Ohlert von der Sporthochschule Köln. Prof. Dr. Mirko Wegner, Leiter der Sportpsychologie an der Humboldt-Universität in Berlin, meinte: „Die Medien können als Ventil dienen, vor allem, wenn sich Trainer von ihnen ungerecht behandelt fühlen.“

Bei Niko Kovac schien sich einiges angestaut zu haben. Der zuletzt kritisierte Trainer von Rekordmeister Bayern München nutzte die Gunst der Stunde, um nach der 5:0-Gala gegen Borussia Dortmund zur Medienschelte auszuholen. „Das ärgert mich, aber nicht nur mich. Da gibt es noch andere Kollegen, die das genauso ärgert. Das muss mal gesagt werden. Ich bin kein Moralapostel. Wir müssen mal wieder klarkommen mit unserem Leben. Das ist nicht in Ordnung, was hier ab­geht“, sagte Kovac: „Wir sind diejenigen, die alles abbekommen.“

Im Falle von Stevens bekam jedoch ein Journalist einiges ab. Der hatte den Niederländer auf ein Foul von Suat Serdar kurz vor dem Gegentor zum 1:2 gegen Eintracht Frankfurt angesprochen, was Stevens überhaupt nicht passte: „Hör auf! Ich antworte dir nicht mehr. Weg! Du bist lächerlich.“ Einen anderen Reporter, der die gleiche Frage stellte, nannte Stevens einen „Papagei“.

Pal Dardai war sogar noch einen Tag nach der 1:2-Enttäuschung zu Hause gegen Fortuna Düsseldorf geladen. Die Hauptstadtpresse würde mit ihrer angeblich übertriebenen Erwartungshaltung einen „sogenannten geplanten Mord“ vollführen, sagte der Ungar vor Journalisten: „Ihr schraubt die Erwartungen hoch, damit ihr danach Scheiße schreiben könnt.“

Dieter Hecking von Borussia Mönchengladbach brach ein Sky-Interview ab, nachdem er eine Nachfrage zu Kapitän Lars Stindl, der nicht in der Startelf stand, kritisiert hatte („Genau der Journalismus, den ich nicht mag“).

Auch Thomas Doll von Hannover 96 legte sich mit einem Journalisten an, weil der ihn nach dem 1:3 beim VfL Wolfsburg auf das Aufstellungs-Verbot für den Japaner Takuma Asano angesprochen hatte. „Die Frage mussten Sie jetzt noch reindrücken?“, sagte Doll wenig souverän: „Super!“ Dabei war die Frage journalistisch absolut gerechtfertigt, genau wie die Fragen an Stevens und Hecking.

Dass sich die Trainer danach besser fühlen, ist unwahrscheinlich. „Man sollte den Stress nicht runterschlucken, aber es gibt geeignetere Methoden, damit umzugehen“, sagte die Sportpsychologin Ohlert. Nur werden diese von den Profitrainern kaum genutzt.

Schon für Spieler seien sportpsychologische Betreuungsmöglichkeiten „zu wenig vorhanden“, meinte Ohlert mit Bezug auf eine Studie der Vereinigung der Vertragsfußballer (VDV): „Es gibt nach wie vor das Problem, dass Spieler und Trainer glauben, sie müssen dabei auf die Couch und kommen mit dem Leben nicht klar, wenn sie psychologische Maßnahmen im Sport nutzen.“