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Konstantin Wecker
„Vor Poesie haben die Mächtigen Angst“

Politisches Engagement ist Konstantin Wecker, hier bei Aufnahmen im Studio, sehr wichtig. Er fürchtet sehr um die Demokratie in Deutschland.
Politisches Engagement ist Konstantin Wecker, hier bei Aufnahmen im Studio, sehr wichtig. Er fürchtet sehr um die Demokratie in Deutschland. FOTO: Thomas Karsten
St. Wendel . Der Liedermacher und bekennende Pazifist Konstantin Wecker tritt morgen in St. Wendel auf. Von Melanie Mai

„Solo zu zweit“ heißt das Programm, mit dem Liedermacher Konstantin Wecker am Freitag, 6. April, um 20 Uhr im St. Wendeler Saalbau gastiert. Vor diesem Auftritt erzählt der 70-Jährige im SZ-Gespräch, warum er mit Ängsten ins Bett geht, wie dankbar er für seine liebevolle Kindheit ist – und was er an den Saarländern schätzt.


Herr Wecker, betrachtet man sich jüngere Fotos von Ihnen, fällt auf, dass Sie die Friedenskette tragen. Was genau wollen Sie damit ausdrücken?

Konstantin Wecker: Diese Kette haben wir herstellen lassen im Jahr 2002, bevor der Irak-Krieg begann. Ich bin mit der Vereinigung „Kultur des Friedens“ mit ein paar anderen Leuten in Bagdad gewesen, um den Krieg zu verhindern. Wir wussten natürlich, dass wir den Krieg nicht verhindern konnten. Aber wir wollten ein Zeichen setzen. Daher haben wir aus einfachem Holz diese Kette anfertigen lassen, um aus deren Verkauf soziale Projekte im Irak zu unterstützen. Mittlerweile unterstützen wir soziale Projekte überall. Ich bin also ein Werbeträger für die Friedensfarben. Ich trage die Kette immer wieder, auf Konzerten und auch privat.



Sie sind bekennender Pazifist. Und jemand, der sich viele Gedanken um das Weltgeschehen macht. Mit welchen Gefühlen gehen Sie abends ins Bett, wenn Sie zuvor die Nachrichten geschaut haben? Gerade in der heutigen Zeit, wo es gefühlt überall Krieg und Gewalt gibt.

Wecker: Das ist ganz grauenvoll. Ich gehe mit einem schrecklichen Gefühl ins Bett. Nicht hoffnungslos, denn das sollte man nie sein. Aber ich habe Ängste, vor allem im Hinblick auf die Generation meiner Kinder. Wir leben ja wie in einer Vorkriegszeit. Wenn ich mir vorstelle, dass es Überlegungen gibt, kleinere Atombomben zu bauen, und das nicht nur zur Abschreckung, sondern um sie abzuwerfen. Wer so etwas ausspricht, der gehört ins Gefängnis. Das ist irre. Hinzu kommen Syrien und das, was Erdogan mit den Kurden macht. Vom Herzen her bin ich doch ein Träumer. Ich habe den Traum einer herrschaftsfreien Gesellschaft. Und ich merke: Anderen Menschen geht es genauso, sie haben die Schnauze voll von diesen herrschaftlichen Strukturen. Und von diesen pubertierenden Männern. Ob Trump oder Erdogan, sie alle sind doch mit einem 14-Jährigen vergleichbar. Wahnsinn, was da für Eitelkeiten dahinterstecken.

Ihre Lieder klingen authentisch, voller Überzeugung. Wie wichtig sind Ihnen trotzdem Auszeichnungen wie der Göttinger Friedenspreis, den Sie im Februar bekommen haben?

Wecker: So ein Preis ist sehr wichtig. Zurzeit gibt es nicht annährend eine so große Friedensbewegung wie wir bräuchten. In den 80er-Jahren hatten wir eine viel größere Friedensbewegung, dabei war die Zeit gar nicht so gefährlich wie heute. Über den Preis habe ich mich wirklich sehr gefreut. Da sieht man, dass es auch an einer Uni wie Göttingen viele Menschen gibt, die sich mit dem Thema beschäftigen. Man merkt, dass man nicht alleine ist. Neulich kam nach einem Konzert eine Frau zu mir und bedankte sich dafür, dass sie drei Stunden lang ein Gutmensch sein durfte. In der Familie werde sie dafür belächelt. So etwas tut gut: Man merkt, Tausende denken so wie man selbst. Das ist es, wovor die Mächtigen dieser Welt wirklich Angst haben: vor der Poesie und der Zärtlichkeit. Denn das können sie nicht.

Kommen wir mal zu Ihrem Konzert in St. Wendel. Sie spielen das Programm „Solo zu zweit“, ein Widerspruch in sich. Welches sind die größten Widersprüche in Ihnen?

Wecker: Das habe ich mal in meinem Lied „Wut und Zärtlichkeit“ treffend beschrieben. Ich würde eigentlich am liebsten nur Liebeslieder und Liebesgedichte schreiben, aber dann kommt immer die Wut dazwischen. Ich habe lange gedacht, das lässt sich nicht vereinen. Doch es geht. Und es hat seine Berechtigung.

In der Ankündigung zum Programm heißt es, geboten werde die Suche nach etwas Wunderbarem. Nennen Sie mir doch mal Wunderbares in Ihrem Leben, auf das Sie nicht verzichten möchten.

Wecker: Das Wunderbarste in meinem Leben ist, und das wird mir im Alter immer bewusster, welches Glück ich hatte, in mein Elternhaus geboren worden zu sein. Ich hatte einen antiautoritären Vater und eine sehr liebe, wenn auch strenge Mutter. Beide waren Antifaschisten. Und so habe ich als kleines Kind schon über alles reden können. Da wurde nichts vertuscht, nichts aus Scham verschwiegen. Das Wunderbare ist, dass mich beide so zärtlich an Musik und Poesie herangeführt haben.

Und wie wunderbar ist für Sie das Saarland? Kennen Sie die Region und St. Wendel?

Wecker: Aber natürlich. Ich war schon oft dort. Ich mag die Menschen im Saarland. Ich weiß, dass sie sich eher zu Frankreich hingezogen fühlen, aber mich erinnern die Menschen vom Naturell her fast an die Italiener. Es hat etwas von Leichtigkeit, mit den Leuten zusammenzusitzen und Wein zu trinken.

Schon in jungen Jahren spielten Sie in einem für die damalige Zeit recht politischen Streifen mit, wenn auch verpackt als Heimatfilm. Sie waren Solist in der Trapp-Familie. Hat dieser Film Ihre weitere Arbeit in irgendeiner Weise geprägt?

Wecker: Dass dieser Film, in dem ich nur gesungen habe, auch politisch geprägt ist, war eher Zufall. Meine Arbeit geprägt hat vielmehr die Tatsache, dass ich als Knabe nicht nur mit meinen Eltern zu Hause, sondern auch im Radio gesungen habe. Meine Eltern wollten mich nie zu einem Kinderstar machen. So wie Heintje. Dafür bin ich sehr dankbar. Aber mir war früh klar, dass ich irgendwas mit Musik machen will. Ich wollte nie Zugführer oder Feuerwehrmann werden, sondern Musiker.

Das Thema Nationalstolz und Rechtsextremismus ist heute so aktuell wie lange nicht. Denken Sie, die Trapp-Familie ist also heute auch noch aktuell?

Wecker: Diese Filme sind schon sehr schnulzig. Sie haben eine Schnulzigkeit, die heute wohl nicht mehr ankäme. Heute müsste man das Thema anders umsetzen.

Und wo sehen Sie Deutschland in den kommenden zehn Jahren?

Wecker: Hoffentlich als Demokratie.

Sie haben Zweifel?

Wecker: Ich habe sogar große Zweifel. Wenn ich nach Österreich schaue, wo 50 Prozent der Menschen nicht mehr demokratisch wählen. Wenn ich die AfD sehe, die voll von Leuten ist, die Nazis sind. Ich werde nicht aufhören, sie so zu nennen. Das alles macht mir Angst. Und wenn ich einen Dobrindt (Alexander Dobrindt, ehemaliger Bundesverkehrsminister; Anm. d. Red.) höre, der von einer konservativen Revolution spricht, könnte ich kotzen.

Zu Ihrem politischen Wirken gesellen sich Projekte, die wie ein Kontrast wirken. Sex-Filme in den 70er-Jahren, Musicals und jede Menge Kinder-Stücke. Wie passt das alles zusammen? Worauf sind Sie besonders stolz? Und bereuen Sie eine Arbeit?

Wecker: Okay, auf die Sex-Filme bin ich sicherlich nicht stolz. Aber von den Kinderstücken sind mir ein paar lieb und teuer. Viele von ihnen habe ich in einer Zeit geschrieben, als meine Jungs noch Kinder waren. Es war schön, sie bei den Premieren zu sehen, wie sie mitgefiebert haben. Das war wahrscheinlich auch die schönste Zeit meines Lebens. Diesem Zauber beiwohnen zu können, der Fantasiekraft der Kinder. Zu sehen, wie sie das Leben entdecken. Ich habe mich im Theater auch immer gefreut, in die Kinderaugen zu schauen. Das war sehr wichtig für meine weitere Arbeit. Ich habe
auch sehr gern am König-Ludwig-Musical mitgewirkt. Und ich bin froh, dass es immer noch aufgeführt wird.

Sie wissen, Sie polarisieren. Für die einen sind Sie der, der mal gekokst hat, für die anderen einer der wenigen genialen politischen Liedermacher in Deutschland. Wo sehen Sie sich selbst?

Wecker: Die, die meinen Namen mit Koks verbinden, haben wohl noch nie Lieder von mir gehört. Das wird ewig haften bleiben. Es gibt aber auch noch eine dritte Gruppe: Das sind die Menschen, die meine Lieder kennen, die aber politisch auf einer anderen Linie sind und mich hassen. Derzeit ist mir nicht immer wohl, wenn ich in Ostdeutschland bin. Ich kann nur hoffen, dass der örtliche Neonazi zu ungebildet ist, um mich zu kennen.

Die Fragen stellte Melanie Mai