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Nachruf George Bush
Sein Tod markiert das Ende einer Ära

George Bush ist im Alter von 94 Jahren gestorben.
George Bush ist im Alter von 94 Jahren gestorben. FOTO: dpa / Lawrence Jackson
Washington . Ob er gelitten hat am miserablen Ruf seines Sohnes, ist nicht bekannt. Dazu war George Herbert Walker Bush zu sehr alte Schule, einer, der mit stoischer Miene überspielte, was ihn innerlich bewegt haben mag. Von Frank Herrmann

Jedenfalls gab es zuletzt kaum einen Amerikaner, der nicht automatisch an den jungen Bush dachte, an George W., wenn vom alten die Rede war.


„Sie mag ich ja, Sir, aber Ihr Sohn, der läuft einfach neben der Spur.“ So ungefähr, schilderte ein Vertrauter namens Ron Kaufman, habe es oft geklungen, vor allem in den Jahren 2005 bis 2007, als es so aussah, als würde der umstrittene Einsatz im Irak vollends aus dem Ruder laufen. Nicht selten, so Kaufman, habe sich der Familienpatriarch gefühlt wie ein Football-Zuschauer, der an der Seitenlinie mit ansehen muss, wie sich der Spross mit seiner Mannschaft blamiert. Ehrgeizig, aber hilflos. Der Senior war 41. Präsident der Vereinigten Staaten, der Junior die Nummer 43. Während die 43 noch immer heftige Debatten provoziert, hat sich über die 41 schon seit Längerem der Schleier des Vergessens gelegt. Roosevelt und Kennedy, Reagan und Clinton, das sind die Namen, an denen gemessen wird, wer im Weißen Haus regiert. Nicht George Bush.

Dennoch, sein Tod markiert das Ende einer Ära. Bush war der letzte US-Präsident, der während des Kalten Krieges im Oval Office residierte, wenn auch in dessen Endphase. Er war der Letzte im Amt, der selber im Zweiten Weltkrieg gekämpft hatte. Vor allem aber, so sagt es Jon Meacham, einer seiner Biografen, war er der letzte Patrizier im Weißen Haus. Sein Vater Prescott, ein Wall-Street-Banker, wurde zu einer Zeit in den Senat in Washington gewählt, als sich die Ansichten von Demokraten und Republikanern in vielen Punkten noch deckten, in scharfem Kontrast zu den heutigen Gräben zwischen beiden Parteien. Vom Senior erbte Bush die Überzeugung, dass sich mithilfe persönlicher Beziehungen vieles regeln ließ. Immer vorausgesetzt, man ließ den anderen das Gesicht wahren. Visionen seien nicht seine Sache, er sei ein praktischer Mensch, beschrieb er seinen Ansatz. Seine Amtszeit von Januar 1989 bis Januar 1993 war von historischen Umwälzungen geprägt: dem Fall der Berliner Mauer, der Wiedervereinigung Deutschlands, dem Ende der Sowjetunion. Doch inmitten der Turbulenzen agierte er mit der Umsicht eines kühlen Realpolitikers - was bis heute als sein großes Verdienst gilt.



Nach dem Berliner Mauerfall unterließ Bush alles, was nach Triumphgeheul hätte klingen können. Nichts sollte die Generäle in Moskau veranlassen, doch noch Panzer rollen zu lassen. Nichts sollte den Reformer Michail Gorbatschow in Verlegenheit bringen, einen Mann, zu dem er wie schon sein Vorgänger Ronald Reagan enge Kontakte knüpfte. Mit Gorbatschow habe er frei von der Leber weg reden können, blendete er später zurück. „Ich glaube, ich hatte ein Gefühl für seinen Herzschlag. Offenheit und klare Worte ersetzten das reflexartige Misstrauen der Vergangenheit.“ Er werde „nicht auf der Mauer tanzen“, brachte Bush seine Überzeugung auf einen markanten Satz. „Ich glaube nicht, dass ein einziges Ereignis das beendet, was man den Eisernen Vorhang nennen könnte“, stapelte er tief, als ihn Reporter im November 1989 zu einem bitte sehr historischen Statement drängten. Während Margaret Thatcher die deutsche Vereinigung vehement ablehnte, half Bush mit besonnener Diplomatie die Weichen zu stellen. Darüber hätten die Deutschen zu entscheiden, schlug er einen ganz anderen Grundton an als die argwöhnische Britin. Zugleich stellte er klar, dass ein geeintes Deutschland Teil eines geeinten Europas sein müsse. Allein schon, um den Nachbarn die Angst vor einem übermächtigen Koloss in der Mitte des Kontinents zu nehmen.

Geboren wurde George Herbert Walker Bush am 12. Juni 1924 in Milton, einer Kleinstadt in Massachusetts. Standesgemäß studiert er an der Eliteuniversität Yale, nachdem er im Zweiten Weltkrieg einen Flaktreffer in der Nähe der Pazifikinsel Chichi Jima nur knapp überlebte, aus dem Wasser gefischt von der Besatzung eines U-Boots. Aus dem Krieg heimgekehrt, heiratet er seine High-School-Flamme Barbara Pierce, mit der er sechs Kinder hat, wobei eine Tochter im Alter von drei Jahren stirbt. Aufgewachsen im behüteten Milieu des Ostküsten-Establishments, geht Bush nach Texas, um in den Ölfeldern von Odessa sein Glück zu suchen. Noch 1964, als er seine erste Senatswahl bestreitet und mit Pauken und Trompeten verliert, verhöhnen in seine Gegner als „den einzigen Texaner, der seine Bohnen mit Hummer isst“.

1966 zieht er ins Repräsentantenhaus, vier Jahre darauf stellt er sich zum zweiten Mal einem Senatsvotum und zieht erneut den Kürzeren. Dafür macht ihn der Präsident Richard Nixon zum UN-Botschafter, aus denselben Gründen, aus denen ihn wohlwollende Alpha-Politiker immer wieder befördern werden. Charisma hat Bush nicht, er ist kein mitreißender Redner. Seine Stärke ist die Loyalität, und er versteht es, belastbare Netzwerke zu knüpfen. 1974 wird er Botschafter in China, 1976/77 leitet er die CIA. 1980 greift er erstmals nach der Präsidentschaftskandidatur der Republikaner, freilich chancenlos gegen Reagan, den besseren Kommunikator. Der gewinnt das Duell gegen Jimmy Carter und kürt Bush zu seinem Stellvertreter. Als Reagans Stab ein geheimes Dreiecksgeschäft einfädelt, Waffenexporte in den Iran Khomeinis, um vom Profit die Rebellion der Contras in Nikaragua zu finanzieren, weiß der Vize Bescheid. Später, vor Untersuchungsausschüssen, häufen sich seine „Erinnerungslücken“.

Während er die Klippen der Iran-Contra-Affäre unbeschadet umschiffen kann, wird ihm ein anderes Kapitel zum Verhängnis. Als er sich 1988 mit Michael Dukakis ums Oval Office duelliert, verspricht er - „Read my lips“ -, unter keinen Umständen an der Steuerschraube zu drehen. Zwar gewinnt er, doch seine Glaubwürdigkeit nimmt schweren Schaden, weil zwei Jahre später in prekärer Kassenlage die Einkommenssteuern eben doch steigen. 1992 wird er bei einer Wahl, die ganz im Zeichen einer Rezession steht, von Bill Clinton, dem aufstrebenden Gouverneur von Arkansas, besiegt. Ausgerechnet er, der gefeierte Weltstaatsmann.

Im Sommer 1990 hatte Bush sein diplomatisches Meisterstück abgeliefert. Nach dem Überfall Saddam Husseins auf Kuwait schmiedete er mit Geschick und Geduld eine breite Koalition, der so unwahrscheinliche Partner wie die Sowjetunion und Syrien angehörten. Nach dem Blitzsieg des Golfkrieges ließ er seine Truppen an der irakischen Grenze Halt machen, sodass Saddam seine Macht retten konnte. Da war er ganz der vorsichtige Rechner mit kühler, fast zynischer Maxime: „Better the devil you know than the devil you don’t“. Zwölf Jahre später gab sein Sohn den Befehl zum Einmarsch im Zweistromland.