Interview Jurij Piwowarow: „Revolution ist heute in Russland negativ besetzt“

Interview Jurij Piwowarow : „Revolution ist heute in Russland negativ besetzt“

Das Mitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften erklärt, warum der Kreml die Ereignisse von 1917 kritisch sieht.

Herr Piwowarow, Die Oktoberrevolution war der Stolz der Sowjetunion. Hundert Jahre danach will der Kreml nichts mehr davon wissen?

PIWOWAROW Der Politik wäre es recht, wenn sie nicht daran erinnert würde. Revolution ist heute in Russland negativ besetzt. Kremlnahe Historiker sehen in der Februarrevolution 1917 eine Verschwörung, an der das Bürgertum, die russische Generalität, die Intelligenz und Freimaurer beteiligt waren. Die Oktoberrevolution erscheint unterdessen wie eine bolschewistisch-deutsche Verschwörung. Jedoch wird den Bolschewiki zugute gehalten, dass sie das Imperium bei erstbester Gelegenheit wiedererrichteten. Sie erwiesen sich als „gosudarstweniki“, also Leute, die trotz des Umsturzes den Erhalt und die Größe des Staates über alles stellten. Die Hauptschuld am Zusammenbruch trifft somit Bürgertum und liberale Kräfte. Das stimmt so natürlich nicht.

Trotz Kritik an der Revolution ist deren Interpretation bis heute immer noch von den Inszenierungen der Bolschewiki bestimmt. . .

PIWOWAROW Viele glauben, die Gegner der Bolschewiki, die „Weißen“ und die „Weiße Armee“, seien für Zar und Feudalismus eingetreten. Das trifft aber nicht zu. Unter ihnen gab es nur wenige Monar­chisten und reaktionäre Kräfte. Auch „pogromtschiki“, antisemitische Schläger, waren kaum darunter. Weiße Generäle standen häufig Liberalen näher. Während die Bolschewiki nicht selten mit den „Schwarzhemden“ paktierten, einem antisemitischen Mob.

Was passiert heute mit der Figur Lenins?

PIWOWAROW Lenin liegt im Mausoleum. Sein Einfluss draußen ist sehr begrenzt. Nach und nach wird er demontiert. Erst wurde berichtet, dass er jüdisches Blut hat. Kalkül war wohl, dass der Antisemitismus weiter an ihm nagt. Lenin sprach überdies mehrere Sprachen und lebte lange in der Schweiz. Das macht aus ihm einen Kosmopoliten. Zurzeit ist dieser Typ nicht gefragt. Kosmopolitismus widerspricht den traditionellen Werten, denen sich der Kreml zurzeit verschrieben hat.

Wer zurzeit nach Russland schaut, erhält den Eindruck: Das Land lebt weder in der Gegenwart noch, wie es die Kommunisten propagierten, für eine lichte Zukunft.

PIWOWAROW Es gibt keine Politik mehr, deren Platz hat die Geschichte inzwischen eingenommen. Nach der Revolution leugneten die Bolschewiki die Geschichte als prägenden Faktor. Sie kannten nur noch Zukunft. Daher wurde Geschichte als Studienfach an den Universitäten danach zunächst gestrichen. Erst 1934 kehrte das Fach wieder auf den Lehrplan zurück. Heute ist es umgekehrt: Es gibt keine Zukunft mehr – nur noch Geschichte.

Die Lehren aus den Umstürzen?

PIWOWAROW Seit der Februarrevolution ist liberal in Russland zu einem Synonym für schwach geworden. Die Skrupel- und Gnadenlosigkeit der Bolschewiken hatte niemand vorausgesehen. Eine Lehre ist: Russlands Institutionen sind schwach und ineffektiv. Das zeigte sich auch beim Zusammenbruch der Sowjetunion 1991. Despotische Systeme sind zerbrechlich. Sie können Einzelnen zwar den Kopf abreißen, sind aber nicht anpassungsfähig. 1991 dauerte es drei Tage bis alles zusammenbrach, 1917 auch nicht viel länger.

Die Geschichte der Russischen Revolution ist für Sie auch ein Stück Familiengeschichte.

PIWOWAROW Meine Großmutter saß in dem „verplombten“ Eisenbahnwaggon, der Lenin aus der Schweiz nach Petrograd zurückbrachte. Sie war adlig und Sozialdemokratin seit jungen Jahren. 20 Jahre hatte sie mit ihrem Mann, einem der Gründer der sozialistischen Partei Polens, in der Schweiz gelebt. Georgij Plechanow, damals Russlands bekanntester Marxist, war im Exil ihr Nachbar. Nach der Revolution wurde sie eine der ersten sowjetischen Diplomatinnen und nach Italien entsandt. Dort kam auch meine Mutter zur Welt. Ich habe oft als Kind bei den alten Bolschewikinnen auf dem Schoß gesessen.

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