Oktoberrevolution: Lenins schwieriges Erbe

Oktoberrevolution : Lenins schwieriges Erbe

100 Jahre danach fällt dem Kreml der Umgang mit der Oktoberrevolution schwer. Das wird auch im Lenin-Museum in Uljanowsk deutlich.

Die Tür fällt knirschend zurück ins Schloss. Ewigkeiten vergehen, bis sich aus der Tiefe des Raumes eine Stimme meldet: „Wohin?“ fragt sie. Es ist eine ältere Frau, die im Haus der Uljanows den Ton angibt. Das Haus der Familie, aus der der Gründer der Sowjetunion entstammt, ist schon lange ein Museum, das an diesem Morgen leer ist. Im ersten Stock des Hauses kam Wladimir Uljanow im April 1870 zur Welt. Drei Jahrzehnte später nahm er das Pseudonym Lenin an.

Das Geburtshaus des Revolutionsführers ist in einen riesigen Gedenkkomplex, dem „Lenin Memorial“, über der Wolga eingebettet. 1970, zum 100. Geburtstag des Chefbolschewiken, wurde dieses weitläufige Areal eingeweiht. Das Memorial aus 133 000 Kubikmetern Beton und weißem Marmor scheint das schmächtige Wohnhaus aus dem 19. Jahrhundert zu erdrücken. Wladimir Uljanow kam in bescheidenen Verhältnissen zur Welt.

Heute tut sich der Kreml schwer mit der Revolution und Lenins Erbe. Zum Leidwesen der Stadt Uljanowsk. 1924 – ein halbes Jahr nach Lenins Tod – nahm das frühere Simbirsk den Namen der Familie als Stadtnamen an. Delegationen kommunistischer Bruderparteien pilgerten seither an die mittlere Wolga. Doch nun in Putins Russland ist der berühmteste Sohn der Stadt nicht mehr präsentabel. Der Kreml würde den Aufrührer am liebsten aus den Annalen streichen. Der einstige Übermensch erscheint heute eher als Verräter, der sich im Krieg mit dem Feind, dem deutschen Kaiserreich, einließ. Und im Frieden von Brest-Litwosk 1918 auf Land verzichtete. Das passt nicht zum Patriotismus der Ära Putin. Auch der Verfall des Denkmalkomplexes verrät gesunkene Wertschätzung. Marmorplatten lösen sich aus der Deckenverschalung des Lenin-Museums. Auch im Jubiläumsjahr gibt Moskau kein Geld für die Sanierung. Die baufälligen Teile sind aus Sicherheitsgründen einfach abgesperrt.

Walerij Perfilow ist stellvertretender Forschungsleiter der Gedenk­einrichtung. Seit Mitte der 1960erJahre befasst sich der Historiker mit Lenin, der Revolution und Uljanowsk. Er habe Wladimir Putin 2002 ins Museum gelotst, erzählt Perfilow. Der Kremlchef habe sich tatsächlich eine halbe Stunde Zeit genommen. Wenn es um hochkarätige Revolutionäre geht, könne es keine Stadt mit Uljanowsk aufnehmen, zitiert der Historiker den Kremlchef. Putin spielte damit auch auf Alexander Kerenski an, der ebenfalls aus Simbirsk, dem heutigen Uljanowsk, stammt. Nach der Februarrevolution und dem Rücktritt des Zaren 1917 wurde Kerenski Mitglied der provisorischen Regierung. Er war der einzige sozialistische Abgeordnete im Kabinett. Bis zur Oktoberrevolution bekleidete der anfangs populäre Politiker die Posten des Justiz- und Kriegsministers. Im Spätsommer übernahm er auch die Rolle des Premiers, bevor er während der Oktoberrevolution von den Bolschewiki gestürzt wurde. Lenin stieg zu einer Figur von Weltgeltung auf. Kerenski musste noch 1917 vor den Bolschewiki fliehen. Er wurde verteufelt und verspottet.

Die Revolutionäre verband noch mehr als die Heimatstadt. Beide wurden am 22. April geboren. Kerenskis Vater Fjodor war überdies Direktor des heutigen Lenin-Gymnasiums, als Wladimir Uljanow dort noch zur Schule ging. Beide Väter kannten sich.

Im Memorial erinnert nichts an den Premier. Historisches Material zu finden, sei schwierig. „Wer wollte das in jenen Zeiten aufbewahren?“ fragt Perfilow. Er vergleicht die Arbeit des Museums mit dem mühseligen „Zusammenkleben zerrissener Fotos“. Unfreundlichere Beurteilungen Lenins, die früher fehlten, sind inzwischen ergänzt worden. Gleichwohl für den Fachmann bleibt Lenin „die zentrale Figur des 20. Jahrhunderts“, deren Wertschätzung auch in Russland in den nächsten Jahrzehnten wieder steigen werde. Russland sei ein Meister im Umschreiben der Geschichte, meint er. Die Radikalität, mit der Historie getilgt werde, sei eine russische Eigenheit. „‚Unvorhersehbare Vergangenheit’ nennen wir das. Erbe wird achtlos zertrampelt.“ Seit Jahren kämpft Perfilow um ein neues Konzept und träumt von einem „Museum der UdSSR“, in dem der Lenin-Komplex aufgeht. Der Entwurf liegt seit vier Jahren fertig in der Schublade. So recht scheint sich jedoch keiner an das Projekt heranzutrauen.

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