Letzte Ruhe in der Stratosphäre

Letzte Ruhe in der Stratosphäre

Beerdigung war gestern. Heute schießt man die Asche des Großvaters ins All. Glaubt man einigen Medienberichten, so sind skurrile Bestattungsarten auf dem Vormarsch. Doch was ist da dran?

"Darf ich meine Oma selbst verbrennen?" Das wollte ein Nutzer von Peter Wilhelm wissen, einem der wohl bekanntesten Bestatter Deutschlands. In seinem Blog "bestatterweblog.de" beantwortet Wilhelm seit Jahren teils skurrile Fragen zum Thema Beisetzung und Tod. Und ihm fällt immer wieder auf: Die Neugierde ist groß, das Wissen überschaubar. Das beobachtet auch Oliver Wirthmann, Diplom-Theologe und Geschäftsführer des Kuratoriums Deutsche Bestattungskultur. "Das Thema Tod ist weiterhin ein Tabu", sagt er. Daher rühre auch die Faszination für sonderbare Bestattungsformen, die in der Praxis in den seltensten Fällen nachgefragt würden. Veränderung finde auf anderen Ebenen statt, sagt Wirthmann. Er sieht beispielsweise einen Trend zur Feuerbestattung.

Jährlich sterben in Deutschland nach Angaben des Bundesverbands Deutscher Bestatter etwa 870 000 Menschen. Die Einäscherungsquote liege bei rund 60 Prozent, sagt Wirthmann. Das sei eine Schätzung, denn die Bestattungsart werde statistisch nicht erfasst. Dass es in Deutschland keinen Boom ausgefallener Bestattungsformen gibt, liegt auch an den Gesetzen. Noch immer gilt hierzulande der Friedhofszwang. Beigesetzt werden darf der Körper eines Menschen, sei es in der Urne oder im Sarg, demnach nur auf den vorgesehenen Flächen auf einem Friedhofsgelände. Ausnahmen sind die Seebestattung oder die Beisetzung in dafür bestimmten Waldarealen. Als einziges Bundesland hat Bremen seit Januar 2015 auch private Grundstücke als Ort der Totenruhe zugelassen. "Die Resonanz ist gering", sagt Thomas Best vom Bremer Bestattungshaus Niedersachsen.

Es habe schon vorher Tricks gegeben, den deutschen Friedhofszwang zu umgehen. Ein Beispiel seien Almwiesen- oder Bergbestattungen in der Schweiz. "Doch ganz ehrlich, wer möchte denn eine Urne im eigenen Wohnzimmer?" Diese Frage beschäftigt auch Bestattungsexperte Peter Wilhelm. Aus Erfahrung weiß er: Die schon fast romantisch anmutende Vorstellung von "Opa auf dem Kaminsims" geht an der Realität vorbei. Die Feuerbestattung biete zwar die Möglichkeit, "mit der Asche viel anzustellen". Ungeklärte Rechtsfragen und die Rücksichtnahme auf die Hinterbliebenen seien jedoch Gründe dafür, dass sich das Diamantpressen aus den sterblichen Überresten oder die Urnenaufbewahrung in den eigenen vier Wänden nicht zum Trend entwickelt habe. "Es gibt auch mal Kunden, die nach dem Tod in die Stratosphäre wollen", sagt Wilhelm. Diese seien aber die Ausnahme, auch wenn einige Bestatter wie die Firma Christ All in Berlin "Weltraumbestattung" als Option auf ihrer Webseite anbieten. Eine Nachfrage bei Mitarbeiterin Manuela Krüger ergibt: Die Option wurde noch nie in Anspruch genommen.

"Der Bestatter lebt nach wie vor von 0815-Bestattungen", bilanziert Wilhelm. Ausgefallenes beobachtet der Bestattungsexperte heutzutage eher bei der Trauerzeremonie. Während Beerdigungen früher nach dem Motto "Der Pfarrer sagt etwas Belangloses und dann wird der Sarg herabgelassen" abgehalten worden seien, gebe es heute freie Trauerredner und auch mal heitere Musik. Besonders berührt habe ihn einmal eine Feier mit Discokugel, Rockmusik und einem Motorrad auf einem Drehpult. Harte Kerle mit Tattoos hätten sich weinend um die Maschine versammelt. Sein spontaner Gedanke: "Aus Hells Angels wurden Heul-Angels."

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