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Lesung von Mary O’Donnell in Saarbrücken

Literatur : Mit wachem Gespür für Gefühle

Der Nordirland-Konflikt zieht sich wie ein roter Faden durch ihre Romane und Erzählungen. Das spürte man auch bei der Lesung der irischen Erfolgsautorin Mary O’Donnell in Saarbrücken.

„Haben Sie Fragen?“ Mary O‘Donnell guckt aufmunternd in die Runde. „Sie müssen nicht. Sie brauchen aber nicht schüchtern zu sein!“ Und weil man so nett gebeten wurde, traute sich dann doch noch der eine oder die andere, persönlich bei der irischen Erfolgsautorin nachzuhaken. Am Mittwoch gastierte Mary O‘Donnell in der Stadtbibliothek Saarbrücken, im Rahmen des „Irish Itinerary“, der bereits in den vergangenen Jahren bedeutende irische Schriftsteller und Filmschaffende wie Glenn Patterson, Claire Kilroy und den Oscar-nominierten Regisseur Lenny Abrahamson nach Saarbrücken geholt hatte. Der Irish Itinerary ist eine Kulturinitiative der EFACIS, der European Federation of Associations and Centres of Irish Studies; in Saarbrücken wird er vom Lehrstuhl für Britische Literatur- und Kulturwissenschaften der Universität des Saarlandes unter der Leitung von Professor Joachim Frenk in Kooperation mit der German-Irish Society Saarland und der Stadtbibliothek Saarbrücken organisiert.

Ehrensache, das O‘Donnell auf Englisch las und erzählte – dabei hätte sie genau so gut Deutsch reden können, denn das beherrscht sie ausgezeichnet: O’Donnell hat deutsche Philosophie und Literatur studiert. Sanja Bantz, stellvertretende Vorsitzende der Deutsch-Irischen Gesellschaft, stellte die Schriftstellerin vor. Als Humanistin und Feministin gehört O‘Donnell zur zeitgenössischen literarischen Avantgarde und ist bei Lesern wie Kritik gleichermaßen beliebt. Sie arbeitete zunächst als Lehrerin und Theaterrezensentin, unterrichtet aktuell Lyrik und kreatives Schreiben an der Galway University und promovierte unlängst kurioserweise über sich selbst.

1954 geboren und aufgewachsen im County Monaghan an der Grenze zu Nordirland, greift sie in ihren Büchern immer wieder die turbulente Geschichte der inner-irischen Trennung und die koloniale Vergangenheit Irlands auf. Ihr literarisches Schaffen umfasst Lyrik, Kurzgeschichten und Romane.

Nach Saarbrücken hatte sie nun ihren Roman „Where they lie“ (2014) und ihre 2018 erschienene, preisgekrönte Kurzgeschichtensammlung „Empire“ mitgebracht, in der sie irisch-britische Historie des frühen 20. Jahrhunderts aufarbeitet und Erzählbarkeit und Autorität von Geschichtsschreibung hinterfragt.

Roman "Where they lie" von Mary O'Donnell Foto: New Island Books

„Where they lie“ spielt in der Gegenwart und erzählt vom Trauma der protestantischen, emotional instabilen Journalistin Gerda, die versucht, über die Ermordung ihrer Zwillingssöhne und den ungewissen Verbleib von deren Leichen hinweg zu kommen. Aus „Empire“ hatte O‘Donnell das Kapitel über William und Margret ausgesucht – eines irischen Ehepaars, das zur Zeit des Ersten Weltkriegs in Burma mit der geballten Brutalität des Kolonialismus konfrontiert wird. 1918 kehrt das Paar nach Dublin zurück und erlebt eine weitere Krise, denn die fortschrittsbegeisterte Margret will zum Entsetzen ihres Ehemanns studieren – eine Studie über kulturellen Verlust, (weibliche) Isolation und Emanzipation. In beiden Fällen erlebte man eine Autorin, die überaus einfühlsam und mit wachem Gespür für Gefühle und Stimmungen von privaten wie gesellschaftlichen Konflikten erzählt und lebendig vorträgt.