Saarbrücken: Wiederentdeckt: Man Ray in Saarbrücken

Saarbrücken : Wiederentdeckt: Man Ray in Saarbrücken

Die Moderne Galerie in Saarbrücken beleuchtet in ihrer neuen „kleinen Ausstellung“ das Wirken des Surrealisten Man Ray – an der Saar!

Ein kleiner Schatz in der Sammlung führte Kurator Roland Augustin auf eine spannende Spur zur Geschichte des Saarlandmuseums und der Modernen Galerie. Vor einigen Jahren hatte die Fotografin Edith Buch-Duttlinger dem Museum eine kleine Fotografie des Surrealisten Man Ray geschenkt. Der Künstler hatte das Werk der Assistentin von Fotograf Otto Steinert mit handschriftlicher Widmung aus Dankbarkeit für die Hilfe bei einer Ausstellung in Saarbrücken geschenkt. Der große Man Ray in Saarbrücken?

Augustin forschte nach – und tatsächlich lud Otto Steinert Man Ray 1951 in seine erste Ausstellung „subjektive fotografie“ ein. Und Man Ray kam. Und er kam sogar wieder. 1953 waren seine Fotografien in der Ausstellung „Formes et décors“ im Saarlandmuseum zu sehen. Im folgenden Jahr war Man Ray dann maßgeblich an der Ausstellungsorganisation zur „subjektiven fotografie 2“ beteiligt. Schon 1952 hatte er auch an der von Edgar Jené organisierten Ausstellung „Surrealistische Malerei in Europa“ im Saarlandmuseum teilgenommen. Hier lernte der US-Amerikaner auch die Steinert-Schülerin Edith Buch kennen, die den Künstler bei der Inszenierung seiner Werke unterstützte. Buchs fotografischer Neugier ist es zu verdanken, dass überhaupt Aufnahmen von der bedeutenden Ausstellung erhalten sind. Rauchend steht da Man Ray vor seinem Werk „L’Orateur“, das aktuell wieder in Saarbrücken hängt.

Man Ray war 1890 in den Vereinigten Staaten als Emmanuel Rudnitzky geboren worden. Er war 1921 auf Anraten von Marcel Duchamp nach Paris gekommen, musste aber 1940 vor den in Paris einrückenden deutschen Truppen wieder in die Heimat fliehen. Da galt er bereits als bedeutender Surrealist, der den avantgardistischen Film und die künstlerische Fotografie maßgeblich mitbestimmt hatte. Doch die Öffentlichkeit in den Vereinigten Staaten konnte mit den Surrealisten wenig anfangen. Gegen die jungen abstrakten Expressionisten wirkten sie langweilig und angestaubt. So gingen viele surrealistische Heroen nach Kriegsende zurück nach Europa, und auch Man Ray zog es 1951 zurück nach Paris.

Bei seiner Rückkehr nach Europa gehörte Man Ray längst zur ersten Riege der Surrealisten und hatte kräftig mitgeholfen, das dokumentarische Medium der Fotografie als eigene Kunstform zu etablieren. Mit seinem sehr subjektiven Ansatz der Fotografie, die surrealistische Gestaltungsprinzipien wie Unbewusstes, Automatisches und Zufälle integrierte, war er geradezu prädestiniert für Steinerts Ausstellung. Photokina-Gründer und Kurator Leo Fritz Gruber erklärte 1960: „Man mag Man Ray mit Recht den ersten ‚Subjektiven‘ nennen.“

Man Ray nutzte vor allem die Rayographie als technisches Mittel, indem er Alltagsgegenstände auf Fotopapier stellte und dann belichtete. Es entstehen helle Schatten auf dem schwarzen Grund. Eine zweite Technik war die Pseudosolarisation, bei der Fotografien in der Dunkelkammer gezielt überbelichtet werden und so subjektive Empfindungen des Künstlers auf das Papier gebannt werden.

Doch der US-amerikanische Künstler fertigte auch Objekte, zeichnete und malte. Mit spitzbübischer Freude und Wortwitz schob Man Ray Wort und Bild immer wieder ineinander. In der Fotografie „Violon d’Ingres“ griff er die französische Redewendung auf, die für ein leidenschaftliches Hobby steht. Die Leidenschaft des Malers Jean Dominique Auguste Ingres für das Geigespielen war Ursprung für dieses Idiom. Man Ray ließ seine Muse Kiki de Montparnasse wie in Ingres Gemälde der „Badenden von Valpincon“ posieren und fügte ihr nachträglich die Schalllöcher einer Geige in den perfekt geformten Rücken.

Die von Museumsleiter Roland Mönig als „kleine Ausstellung“ eingeordnete Schau erweist sich als durchaus üppig bestückt und mit zahlreichen Querverweisen in die moderne Kunstgeschichte. Im behaglichen Halbdunkel zeigt Kurator Augustin mehr als 40 Filme, Fotos, Zeichnungen, Gemälde und Objekte und geht auf Spurensuche. So ist die Ausstellung nicht nur eine konzentrierte Werkschau zu Man Ray, sondern auch ein Stück aufgearbeitete Geschichte des Saarlandmuseums.

„Man Ray – zurück in Europa“, bis 8. März 2020, Moderne Galerie.