„Zeit“-Journalist Bernd Ulrich analysiert die Klimakrise.

Sachbuch zur Klimakrise : Das Ende der grünen Spießbürgerei

„Zeit“-Journalist Bernd Ulrich analysiert die deutschen Befindlichkeiten in der aktuellen Klimakrise.

Auch wenn die „FridaysForFuture“-Bewegung die Folgen des  Klimawandels mehr denn je in die europäische Tagespolitik hineingetragen hat – man  vergisst darüber  leicht, dass die Diskussion um CO2-Emissionen und Ressourcenverschwendung  mindestens bis in die frühen 1980er Jahre zurückreicht, als die ersten Mahner – je weniger sie damals gehört wurden, umso stärker  waren sie apokalyptisch angehaucht – auf den Plan traten.  „In diesen letzten 30 bis 40 Jahren der ständig wachsenden Bewusstwerdung“, so fasst es der stellvertretende „Zeit-Chefredakteur Bernd Ulrich in seinem dieses Zeitalter der Ökologie bilanzierenden Buch „Alles wird anders“  zusammen, „haben die Menschen mehr Emissionen verursacht als in der gesamten Menschheitsgeschichte zuvor, als sie noch nicht wussten, was sie taten.“

Schon im ersten Kapitel schlussfolgert Ulrich: „Das wirft nicht zuletzt einen beunruhigenden Zweifel am Wert der Aufklärung auf. Irgendetwas scheint zwischen Wissen und Handeln im Weg zu stehen, etwas, das stärker ist als jede Einsicht.“ Die Ursachen unserer Verdrängungskunst – Ulrich nennt es   „das seelische Betriebsgeheimnis“ der  westlichen Gesellschaften –  zu analysieren, schreibt das Buch sich auf  die Fahnen.  Wieso, fragt Ulrich, verwenden sie seit Jahrzehnten derart viel psychische, diskursive und politische Energie darauf, „die Kulturtechnik des wissenden Ignorierens“ zu perfektionieren anstatt in Kenntnis der drohenden Klimakatastrophe eine nachhaltige Kehrtwende zu vollziehen?   In Deutschland, das im Fokus von Ulrichs Analyse steht, habe sich in den vergangenen zehn Jahren eine Art „ökologisches Biedermeier“ breitgemacht.  Was die ambitionslose Regierungspolitik an Weichenstellungen versäumt habe, sei im Privaten zu einer Lebensstilfrage geworden: hier ein bisschen Verzicht, da etwas demonstratives Öko-Bewusstsein.  Erst der Dieselskandal, das große Insektensterben, der Hitzesommer 2018 und Greta Thunberg hätten die Deutschen aus ihrer „grünen Spießbürgerei“ nachhaltig aufgeschreckt.

Ulrich erklärt das  jahrzehntelange Aussitzen des Klimawandels im Wesentlichen aus dem Geist der alten Bundesrepublik und deren  Extremismus-Aversion im Zeichen ihrer ausgeprägten Mitte-Fixierung. Die Bonner wie auch die Berliner Republik sei in all ihren politischen Reflexen immer darauf ausgerichtet gewesen, „Extremes zu vermeiden und zu negieren“.  Kosmetik sei ihr gemäßer als einschneidende Schritte zum Abwenden der Klimakatastrophe. „Es wird“, fasst Ulrich es mit dem nötigen Zynismus zusammen, „nicht gefragt, welche Politik zu den Problemen passt, wie sie sind, sondern es wird gefragt: Welche Probleme passen zu der Politik, wie sie ist?“  Lange Zeit war der konsensuale Grundton der deutschen Politik  ein Garant für Verlässlichkeit und Wohlstand. Der Klimawandel aber erfordere  radikale Lösungen, so Ulrich in seiner mahnenden Kampfschrift.

  Politischer Konservatismus  und das Pochen darauf, den gewohnten Lebensstil  beibehalten zu wollen, zeitigten hingegen, so der gerne dialektisch argumentierende „Zeit“-Journalist, das Gegenteil.  Die gängigen Verdrängungsmuster, um sich aus der eigenen Verantwortung zu stehlen,  greift Ulrich in seiner Bestandsaufnahme des notorischen deutschen Patts zwischen den  Ab- und Aufwieglern in der Klimadebatte immer wieder auf. Etwa das Totschlagargument, auf Deutschland entfalle ja  nur 2,23 Prozent des global angehäuften Kohlendioxids (China: 27,5 Prozent; USA: 15), weshalb an deutscher Vorbildlichkeit allein die Welt ja wohl schwerlich genesen werde.

Zu den interessantesten Kapiteln von Ulrichs Streitschrift gehört  seine gedankliche Auseinandersetzung mit dem, was man den moralischen Extremismus in den Klimadebatten nennen kann.  Wie so oft in Deutschland  wird  da verbal  instinktiv oft mit scharfer Munition geschossen. Auf der einen Seite wird dann jede Flugreise  schnell zum Umweltverbrechen, auf der anderen sogleich  der Untergang  Deutschlands  heraufbeschworen, sobald dessen Autofixierung infrage gestellt wird.   Der bekennende Veganer Ulrich predigt dabei die „befreienden Aspekte des Verzichts“.  Und trifft durchaus den Nagel auf den Kopf, wenn er schlussfolgert, die gegenwärtige Öko-Krise sei  Ausdruck eines hemmungslosen (und der kapitalistischen Konsumgesellschaft wesenhaft eingeschriebenen) Egoismus.

 Aufs Ganze gesehen aber kann man sich am Ende dieser 220 Seiten dennoch fragen, ob dieser deutscher Seelenerkundung im Zeichen der Klimakrise gleich ein ganzes Buch gewidmet werden musste. So abwechslungsreich und süffisant Ulrich die Frontlinien in den Debatten auch nachzuzeichnen und zu hinterfragen (und er dabei auch noch das kleine Einmaleins des aktuellen Wissenschaftsstands herunterzubeten) versteht:  Auf Buchlänge muss man diese Befindlichkeitslagen dann doch nicht unbedingt auswalzen.

Bernd Ulrich: Alles wird anders. Das Zeitalter der Ökologie. Kiepenheuer & Witsch,  222 S., 14,99  €

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