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Bildende Kunst: Kunst zwischen Macht und Ohnmacht

Bildende Kunst : Kunst zwischen Macht und Ohnmacht

Die Städtische Galerie Neunkirchen ehrt den in Wiebelskirchen lebenden japanischen Künstler Seiji Kimoto zum 80. Geburtstag mit einer Retrospektive.

Die eindrücklichste Arbeit der Ausstellung „Kimoto – Eine Retrospektive“ steht etwas versteckt auf der Rückseite einer Stellwand. Auf einem antiken Fuhrwerk mit einem deformierten Rad ruht ein weiblicher Holztorso. Drei Seile schnüren die schrundige Oberfläche tief ein. Die Vorderseite des Rumpfes ist pfeilartig durchbohrt von unzähligen kurzen Seilenden. Der Kopf ruht auf der Brust, der Mund steht offen. „Schmerz und/oder Schuld“ aus dem Jahr 2006 ist Teil der Werkserie „Macht und Ohnmacht“, deren Titel das Schaffen des Künstlers perfekt beschreibt.

Kimotos bildhauerisches Werk ist geprägt von der Auseinandersetzung um Macht und Ohnmacht als zwei einander sehr nahestehenden, sich gegenseitig bedingenden Zuständen. Seine Werke sind Sinnbilder für die Gequälten und Entrechteten. International bekannt wurde der Japaner, der seit fast 50 Jahren im Saarland lebt, als Schöpfer von Mahnmalen gegen die Gräuel des Nationalsozialismus, die er an den Originalschauplätzen wie stumme Zeugen von Demütigung und Gewalt installiert hat. Immer wieder steht man betroffen davor und spürt das Leid in seiner ganzen Wucht. Seine Figuren sind deformierte Körper in Braun, Grau oder Schwarz – gefesselt, geknebelt, verrenkt und entrechtet. Ohne die Darstellung von Mimik gelingt es dem Künstler nur durch Gestik und Körperhaltung, die Gefühle der Leidenden erfahrbar zu machen.

Ein anderer gewichtiger Teil von Kimotos Arbeit sind abstrakte Objekte, die sich im Spannungsfeld von Fesselung, Bindung und Anspannung bewegen oder scheinbar mühsam austariert sind. Sein bevorzugter Werkstoff ist Holz, dem er mit Acrylfarben eine an Eisen erinnernde Oberfläche gibt. Das vermittelt den Eindruck von Schwere und Robustheit, lässt aber eine freie Formgebung zu, die bei Eisen oder Stahl eingeschränkt wäre.

Kimoto wurde 1937 im japanischen Osaka geboren und kam 1967 als Innenarchitekt nach Freiburg, um seine Deutschkenntnisse zu verbessern. Auf der Reise nach Deutschland traf er seine spätere Frau am Bahnhof in Moskau und beschloss, zu ihr ins Saarland zu ziehen. Früh hatte er sich auch mit Kunst auseinandergesetzt und Zen-Malerei studiert. In Saarbrücken lernte er bei Boris Kleint an der Staatlichen Werkkunstschule, wurde Mitglied der politisch aktiven Künstlervereinigung „Gruppe 7“ und war Gründungsmitglied des Saarländischen Künstlerhauses.

Die Arbeiten des Künstlers gewinnen ihr inneres Momentum aus der spannungsgeladenen Zusammenführung von europäischer Moderne und japanischer Tradition. Deutlich wird das insbesondere im zeichnerischen Werk. Wie etwa in den Kalligrafien, in denen Kimoto japanische Zeichentradition mit europäischer Literatur verbindet, oder den Zen-Malereien, die japanische Strenge und Einfachheit mit europäischer Gegenständlichkeit und Spontanität verbinden.

 Seiji Kimotos Skulpturen thematisieren Gewalt.
Seiji Kimotos Skulpturen thematisieren Gewalt. Foto: Luka Paic

Die Ausstellung ist bis 7. Januar zu sehen.  Geöffnet: Mi-Fr 10-18 Uhr, Sa 10-17 Uhr, So/feiertags 14-18 Uhr.