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Literatur: Blicke in geheime Kammern unserer Nachbarn

Literatur : Blicke in geheime Kammern unserer Nachbarn

Nils Minkmars neues Buch „Das geheime Frankreich“: Vergnügliche Einblicke eines Deutsch-Franzosen

Es ist ein Paradox: Je mehr man als Deutscher Franzosen näher kommt, desto mehr ist man oftmals befremdet, dass sie in vielen Dingen so anders sind. Essen genießen, das ist ja schön und gut, aber muss man wirklich immer so einen Bohei darum machen? Warum reden sie bei Problemen nur so um den heißen Brei herum, statt auf den Punkt zu kommen? Warum sind gerade die Franzosen  in der Politik oft so feierlich und betreiben einen königlichen Pomp, obwohl sie weiland ihren König doch köpften?

Mit solchen Fragen des „Andersseins“ befasst sich „Das geheime Frankreich“, das neue Buch von Nils Minkmar, das er dieser Tage persönlich bei Bock & und Seip an der Saar-Uni vorstellte. Der gebürtige Saarbrücker und promovierte Historiker, der unter anderem bei Pierre Bourdieu studierte, als Kulturjournalist etliche Preise gewann, erzählt ganz persönlich und vergnüglich von den „feinen Unterschieden“ zwischen uns protestantisch geprägten Deutschen und den trotz Laizismus katholisch geprägten Franzosen. Was den „Spiegel“-Autor zu einem Frankreichversteher prädestiniert ist nicht zuletzt das Glück seiner Geburt: Als Sohn eines Deutschen und einer Französin und Großeltern in Bordeaux habe e die französische Lebensart – wie Asterix den Zaubertrank – schon als Kind mitbekommen. 

Minkmars Kunst besteht nicht nur darin, einen doppelten Blick auf die französischen Eigenheiten zu werfen, sondern vor allem auch die Symbolik alltäglicher Erlebnisse zu lesen und auf historische Traditionen und Grundüberzeugungen zurückführen zu können. Gleich zu Anfang beschert er dem Leser eine herrliche Schlüsselszene: Wie er als 13-Jähriger im naturgeschichtlichen Museum von Bordeaux alles wohlgeordnet vorfand, die „Evolutionsgeschichte als Triumph der rationalen Klassifizierung“ – bis der Wärter eine verborgene Kammer mit Missbildungen in Formalin öffnete. Genau so sei Frankreich, kommt er zum Schluss. Auf der einen Seite eine aufgeklärte, rationale, geordnete Welt. Aber da gebe es immer noch eine andere Version, eine geheime Kammer, zu der man Zutritt habe oder eben nicht. Deshalb durchziehe die Vorstellung von geheimen Machtstrukturen seit Jahrhunderten die öffentliche wie private Imagination. In seinem Streifzug durch die französische Kultur lässt uns Minkmar in viele Kammern blicken. Ins Machtzentrum Elysée-Palast etwa, in den Präsidenten als stabile Politiker hineingehen und völlig verdreht herauskommen. Bisweilen, aber auf französisch elegante Art spart er auch nicht mit Kritik, wenn es etwa um die verdruckste und verpasste Aufarbeitung der dunklen Kapitel französischer Geschichte wie Kolonialismus, Okkupation und Algerienkrieg geht.

Mit Macron, Frankreichs neuem Präsidenten, sieht Minkmar jedoch Hoffnung für das Land, sich endlich aus verkrusteten Strukturen zu befreien. In seinem mäandernden Streifzug durchs Nachbarland weckt der Deutsch-Franzose Minkmar jedoch auch ein besseres Verständnis für die kulturbedingten Differenzen. Sie haben auch viele Vorzüge – das ist vielleicht eine der wichtigsten Erkenntnisse, die das Buch bietet.

Nils Minkmar, „Das geheime Frankreich. Geschichten aus einem freien Land“. Fischer, 208 Seiten, 22,70 Euro.