Philosoph Slavoj Žižek rechnet mit unserer Zeit ab: Das Weltschiff muss erst auf Grund laufen

Philosoph Slavoj Žižek rechnet mit unserer Zeit ab : Das Weltschiff muss erst auf Grund laufen

Der Philosoph Slavoj Žižek will uns komplett desillusionieren und predigt den „Mut der Hoffnungslosigkeit“.

Die politische Gegenwart ist für den slowenischen Mode-Philosophen Slavoj Žižek, seit Jahren einer der medial gefragtesten Kapitalismuskritiker, am „Nullpunkt der Hoffnungslosigkeit“ angekommen. Dem „globalkapitalistischen Paradies“ setzten geopolitische Spannungen, die Offenbarung seiner Abgründe (siehe die „Panama Papers“), fundamentalistischer Terrorismus und weltweite Migrationsbewegungen zu, konstatiert Žižek in seinem jüngsten Buch „Der Mut der Hoffnungslosigkeit“.

Auf Rettung zu hoffen, käme für ihn einem Selbstbetrug gleich: „Der Traum von einer Alternative ist ein Zeichen von theoretischer Feigheit“, heißt es bereits in der Einleitung. Umso mehr, weil die westlichen Regierungen seit 1968 eine außerordentliche Fähigkeit darin bewiesen hätten, „kritische Bewegungen als Quelle zur eigenen Erneuerung zu nutzen“. Žižeks aktuelle Bestandsaufnahme ist insoweit von einem geradezu ätzenden Pessismus geprägt. Peter Sloterdijks legendäre weltpolitische Zusammenfassung „Die Haupttatsache der Neuzeit ist nicht, dass die Erde um die Sonne, sondern dass das Geld um die Erde läuft“, spricht Žižek aus der Seele. „Wenn ich nichts erwarte, werde ich hin und wieder angenehm überrascht“, lautet denn auch sein wenig ermutigendes Credo. Zyniker dürften ihre Freude an diesem Buch haben.

Der Westen hat sich Žižek zufolge politisch zwar längst weitgehend diskrediert. Doch sein Wirtschaftsmodell funktioniere heute auch ohne westliche kulturelle Werte gut und verschaffe ihm nahezu universalistische Geltung. „Die einzig wahre soziale Universalität“ erkennt Žižek im Klassenkampf. Wobei dem Kapitalismus auch hier seine vermeintliche Undurchschaubarkeit in die Hände spiele: Ungleichheiten würden heute leichter hingenommen, „wenn man behaupten kann, sie seien das Resultat einer unpersönlichen blinden Macht“, folgert er. Faktisch sind wir in seiner Lesart längst nurmehr Konsumenten unseres eigenen Lebens und kaufen uns lediglich private Lebensentwürfe ein (von der körperlichen Fitness bis zur sprituellen Erleuchtung).

Die Frage, ob sich die staatlichen Systeme noch produktiv umformen lassen, wird von Žižek nicht klar beantwortet. Mal rühmt er zwar etwa die griechische Syriza-Bewegung als produktiven linken Stachel im EU-System, dann aber heißt es wieder, „das ganze Gerede von aktiver Bürgerbeteiligung“ sei eine reformerische Illusion und übertünche nur das Kernproblem, dass der „Gordische Knoten des neoliberalen Dogmas“ nicht zu durchschlagen sei. Lässt man alle teils ärgerlich unscharfen, oft kapitellangen Seitenwege seiner Argumentation (ob China, die Rolle der Religion oder den Populismus à la Trump betreffend) beiseite, plädiert Žižek unterm Strich dafür, allen Glauben an eine Selbsterneuerung der politischen Systeme fahren zu lassen. Tenor: „Die mit dem Kapitalismus in Gang gesetzte Auflösung traditioneller Bindungen muss zu Ende geführt werden.“ Der titelgebende „Mut der Hoffnungslosigkeit“ meint mithin, diese bis an den Nullpunkt, bis zum brutalen Verlust aller zivilisatorischen Wurzeln, weiter zu pflegen. Düsterer als in diesem Buch war Žižek wohl nie. Als stünde die griechische Karthasislehre bei ihm Pate, kann für ihn erst im Untergang ein Neuanfang gefunden werden. Den Kapitalismus reformieren zu wollen, verbietet sich für ihn.

Wenn dieser reichlich unausgegorene Wälzer es zuletzt dennoch lohnt, durchgearbeitet zu werden, dann deshalb, weil das dialektische, poststrukturalistische Denken Slavoj Žižeks ungeachtet all seiner Inkonsistenzen immer noch mehr Anregungen zum Selberdenken bereithält als viele andere populärphilosophische Großversuche heute.

Slavoj Žižek: Der Mut der Hoffnungslosigkeit. S. Fischer, 448 S., 20 €.

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