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Museen mit Mittelmeerblick

Marseille. Der Alte Hafen von Marseille gegen Mittag: Auf ihrem silbrig blauen Präsentierteller tut die Hafenmetropole, als könne sie kein Wässerchen trüben. Fischer flicken ihre Netze, Blumenfrauen arrangieren Sträuße, aus einem Seifenladen duftet es nach Lavendel Von SZ-Mitarbeiterin Dorothee Baer-Bogenschütz

Marseille. Der Alte Hafen von Marseille gegen Mittag: Auf ihrem silbrig blauen Präsentierteller tut die Hafenmetropole, als könne sie kein Wässerchen trüben. Fischer flicken ihre Netze, Blumenfrauen arrangieren Sträuße, aus einem Seifenladen duftet es nach Lavendel. Marseille ist 2013 - neben dem slowakischen Kosice - europäische Kulturhauptstadt und ausgestattet mit einem 91-Millionen-Euro-Etat: Freude und Fluch zugleich.Denn die Einwanderungsmetropole kriegt die Kriminalität nicht in den Griff. In den Nord-Bezirken von Frankreichs zweitgrößter Stadt ist jeder zweite Jugendliche arbeitslos. Bringt der Kulturauftrieb den Ärmsten etwas? 600 Millionen Euro fließen in 50 Projekte. Viele haben nur mittelbar Bezug zur Kulturhauptstadt, sind Eckpunkte gigantischer urbaner Umwälzungen. Am Meeressaum zeichnet sich das neue Stadtbild ab. Ins ehemalige Silo d'Arenc kam für 30 Millionen Euro ein Konzertsaal mit 2200 Sitzen. Noch näher am Wasser das Musée des civilisations de l'Europe et de la Méditerranée (MuCem), das erste französische Nationalmuseum in der Peripherie. Paris spendiert die Bestände. Der französische Architekt Rudy Ricciotti schuf einen schnörkellosen Bau. Unweit eröffnet am heutigen Samstag das J1 - ein Vielzweckbau von 6000 Quadratmetern. Die Debüt-Schau taucht ab in mediterrane Reiseaktivitäten vom Trojanischen Krieg bis heute. Auf der Woge ambitionierter Neubauten segelt als drittes das Centre régional de la Méditerranée (CeReM), Kulturzentrum. Das kühne Bauwerk taugt zur Ikone.



Reserviert für Gegenwartskunst ist die Friche Belle de Mai, vorbildlich für eine verschiedene Sparten erschließende Industriebrache, wo seit einigen Jahren auch die kleine engagierte Kunstmesse Art-O-Rama stattfindet. 2013 ehrt sie Joep van Lieshout. "Ici, ailleurs" nennt sich die Schau, die ab dem Wochenende im ehemaligen Arbeiterquartier Documenta-Teilnehmer wie Etel Adnan und Kader Attia Reisen und modernes Nomadentum reflektieren lässt. Während das Musée des Beaux-Arts im Palais Longchamp, Marseilles ältestem Museum, nach der Renovierung im Juni wiedereröffnen soll, baute der Japaner Kengo Kuma der zeitgenössichen Kunst den Ausstellungspalast FRAC.

Darüberhinaus soll Kunstproduktion verankert werden. "Euro-Mediterranean Ateliers" heißt das artist-in-residence-Programm, das die Kür zur Kulturkapitale wesentlich mit anstieß. 100 Künstler beziehen nicht etwa Atelierhäuser, ihre Gastgeber sind Geschäftsleute und Institutionen. Man kommt ins Gespräch, so die Idee. Und auch das Hinterland Marseilles ist im Fokus. "MP2013" steht für Marseille-Provence. Nur wird das von Frank Gehry für Arles geplante Fotomuseum nicht so rasch gebaut wie es Maja Hoffmann erträumt hat. Die Basler Pharma-Erbin schießt 100 Millionen Euro zu. Gleichwohl, das Ziel scheint greifbar: der Großraum Marseille als Zentrum einer friedlich vereinten Mittelmeerkultur.

www.mp2013.fr

Auf einen Blick

Bis Ende 2013 gibt es 900 Events zum Kulturhauptstadtjahr MP2013. Die Höhepunkte: die Eröffnung an diesem Wochenende - ein großes Volksfest in der Innenstadt; die Einweihung des Kulturzentrums Villa Méditerranée und des Museums der Zivilisationen Europas und des Mittelmeers (MuCem) im Frühjahr; die Eröffnung des Konservatoriums in Aix im September. dpa