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Neue Regionalliteratur
Erich und der brennende Hund

1962 in Schwalbach geboren, bezeichnet sich Drescher selbst als „Grenzgänger zwischen Literatur, Kunst, Film und Musik“.
1962 in Schwalbach geboren, bezeichnet sich Drescher selbst als „Grenzgänger zwischen Literatur, Kunst, Film und Musik“. FOTO: Werner Richner
Saarbrücken. Der in Saarlouis lebende Autor Andreas H. Drescher hat einen Großvater-Enkel-Roman geschrieben. „Kohlenhund“, sein Romandebüt, stellt er kommende Woche in Saarbrücken vor. Zuletzt erschien 2016 von ihm der Prosaband „Die Rückkehr meines linken Armes“. Von Roland Mischke

Im Saarland ist Erich Honecker unvergessen. Der einstige Staatschef der verblichenen DDR hat auch im Roman von Andreas H. Drescher (55) einen Auftritt. Der Großvater der Hauptfigur Michael Velten erzählt gern vom Sackhüpfen mit Erich, als beide noch Rotznasen waren. Wer Honecker im TV sah, mit Hut und steifem Gehabe, wird sich das nicht vorstellen können. Aber als Kind soll der Saarländer fröhlich gewesen sein beim Hüpfen im Kohlensack.


Drescher legt mit „Kohlenhund“ den ersten Band eines geplanten Roman-Zyklus vor. Er lehnt sich an das Leben des 1910 geborenen Albert Grün, des Großvaters im Buch, an. Drescher schreibt bereits am nächsten Buch mit dem Titel „Die Schaumschwimmerin“. Im vorliegenden wird das Leben des Verstorbenen in wesentlichen Details erzählt. „Als Deutscher geboren“ war der Großvater als Sohn eines Elsässers durch den Versailler Vertrag Franzose. Als der Abstimmungskampf um die Rückgliederung der Saar ans Deutsche Reich einsetzte, ist er auf der Seite derer, die dafür plädieren und tritt in die SA ein. Nach dem Wiederanschluss 1935 und der Rückkehr aus Metz in sein Heimatdorf verliert er seinen Arbeitsplatz und versucht sich als Nähmaschinen-Vertreter, was keine wahre Freude ist. Als Arbeitsloser erhält er 1938 die deutsche Staatsbürgerschaft, wird prompt 1940 zur Wehrmacht „der Preußens“ genötigt und zieht in den Krieg in die Sowjetunion und Italien. Er gerät in Gefangenschaft, kommt 1947 frei.

Aber da sucht ihn die Sûreté, denn er gilt als Deserteur. 1933, während seiner französischen Wehrdienstzeit, hat er auf die Trikolore geschworen. Dass es ihm nicht an den Kragen ging, verdankte er seiner Frau, die alle belastenden Papiere unterm Kot der Hühner im Stall verbuddelte. Dennoch wagte er sich danach nie mehr nach Frankreich – in Sorge, „doch noch mal an die Wand gestellt zu werden“. In seinen Erzählungen taucht der „Kohlenhund“ auf, ein brennender Hund „mit einem Kopf wie ein glühendes Brikett“.



Als Michael Veltens Mutter ihn 1989 informiert, dass der Großvater an Krebs erkrankt ist und Metastasen seinen Körper okkupieren, setzt sich der studierende Enkel in den Zug. Am Krankenbett kommt es zu letzten Gesprächen, die Schmerzen des Großvaters werden mit Morphium betäubt. Noch einmal rollt die Biografie eines Mannes ab, der viel erlebt hat, während zeitgleich die Fernsehnachrichten erst vom Mauerfall, dann vom totalen Zusammenbruch des sogenannten Arbeiter-und-Bauern-Staates berichten. Dieses Ereignis erinnert den Sterbenden an seinen Kinderkumpel Honecker. Enkel Michael ist traurig und zerrissen, seine Doktorarbeit über Erasmus von Rotterdams „Lob der Torheit“ verliert im Nu an Bedeutung.

Michael liebt seinen Großvater, der gern herrisch auftritt. Er erinnert sich an den flatternden Plastikdrachen, dem der Großvater hinterherrannte, wobei er stürzte. Der Junge habe darüber gelacht, das trägt er ihm nach. Aber Michael hat ihn nicht ausgelacht, auch nicht, als er vom „Windmann“ sprach „wie von einem alten Bekannten“. Michael will das klären, aber der Großvater nimmt es nicht mehr wahr. Beide haben sich schon länger voneinander entfremdet, bereits als Michael Teenager war – wie überhaupt Generationenprobleme den Roman immer wieder als Subtext prägen: Der Enkel will dem Alten über neun Monate helfen, ihm das Sterben erleichtern, aber der Krebskranke wird von der Vergangenheit absorbiert. Michaels Pendeln zwischen Stadt und Dorf setzt ihn so ganz anderen Bildern aus als denen der „Tagesschau“ über die friedliche Revolution im deutschen Osten.

Das alles erzählt Drescher in Anekdoten und einprägsamen Szenen. Es ist ein Roman starker Bilder. Hier die Nostalgie der alten Zeiten, da die Realität, die das Fernsehen vermittelt. Das will bewältigt werden. Drescher geht es weniger um Tatsachen als um Stimmungen und Atmosphäre. Er reflektiert die Fragen des Lebens, auf die er nicht immer Antworten findet. Imponierend ist die Stärke und Behutsamkeit in der Anteilnahme eines Jüngeren am Leben eines alten Mannes.

Andreas H. Drescher: Kohlenhund. Edition Abel, 220 S., 19,90 €

Lesung am kommenden Dienstag um 19 Uhr in der Saarbrücker Buchhandlung St. Johann (Ludwig Hofstätter)