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Ein starkes Sück regionale Literatur
Der Großvater wird mich immer suchen

Autor Andreas H. Drescher (rechts), hier im Gespräch mit Michael Mansion, hat den ersten Teil eines Romanzyklus vorgelegt.
Autor Andreas H. Drescher (rechts), hier im Gespräch mit Michael Mansion, hat den ersten Teil eines Romanzyklus vorgelegt. FOTO: Picasa
Saarlouis. Andreas H. Drescher aus Saarlouis stellt am Freitag seinen ersten Roman vor. „Kohlenhund“ bringt seinen Großvater zur Sprache, das 20. Jahrhundert an der Saar, das vor allem eines ist: deutsche Geschichte. Von Johannes Werres

Andreas H. Drescher, einer er wenigen professionellen Schriftsteller der Region, hat seinen ersten Roman vorgelegt. In „Kohlenhund“ fügen sich wie schon in seinen Kurzgeschichten „Die Rückkehr meines linken Armes“ Erlebtes, vor allem Gehörtes, und Erdachtes zu einer unerhört dichten Wortmasse zusammen. Das Buch ist als Beginn eines Zyklus angekündigt.


Wie in den Kurzgeschichten geht man durch das Erzählte und kommt in einer Hinsicht etwas enttäuscht heraus: Das ist doch Saar-Geschichte, die da vom Großvater erzählt wird? Aber das ist ja gar nicht soviel anders als anderswo in Deutschland! Richtig. Zur Sprache bringt Drescher, wie sein Großvater in dieser Region mit Schwerindustrie, wechselnder nationaler Zugehörigkeit und dem Zweiten Weltkrieg gelebt hat. „Endlich beginnen Großvaters Bilder ein Eigenleben zu führen und seine Erinnerungen und Anspielungen verdichten sich in mir zu Tagtraumbildern, die schon sehr bald szenisch vor mir stehen.“

Man liest, was auch sehr viele seiner deutschen Altersgenossen (Drescher wurde 1962 geboren) von ihren Großvätern irgendwo in Deutschland gehört haben. Die Saargeschichte im 20. Jahrhundert ist eben vor allem eins: deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert. Die Jüngeren haben das alles so nicht mehr gehört. Denn die alte Generation tritt allmählich ab. Auch Dreschers Kohlenhund-Großvater stirbt an Krebs; der Roman besteht aus einer Gesprächssequenz in den Monaten davor. „Das war er nun: Sein letzter Satz ohne die Gewissheit seiner Krankheit.“ In der für Drescher typischen feinen Beobachtung Sätze wie: „Dann ist aber er es, der das Schweigen als Erster wieder verlässt.“



„Kohlenhund“ ist so gesehen: Deckel drauf letztlich auf die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts. „Kohlenhund“ ist auf eigenartige Weise abschließend. Bald wird niemand, der im Weltkrieg Soldat war,  nochmal befragt werden, niemand, auch der Großvater nicht, wird sich noch rechtfertigen, so und nicht anders gelebt zu haben.

Drescher legt seine Geschichte in die Zeit zwischen August 1989 und April 1990, die Zeit, in der die als Folge des Zweiten Weltkrieges entstandene deutsche Teilung aufgehoben wurde.

Der Schriftsteller urteilt kaum, er staunt auch nicht wirklich, er wird erzählend fast so resonanzlos wie das alte Ehepaar untereinander. Und immer wieder diese Fetzen aus dem Krieg. Zwei ganze Generationen Deutscher wuchsen damit auf, Fetzen vielleicht, sonst nur Schweigen. Und wie viele erkennen sich im Autor wieder: „Denn in der Heftigkeit meiner Fragen lag so viel vorweggenommenes Urteil, dass er kaum anders hatte reagieren können als mit dieser Abwiegelei.“

Immer wieder wie es war im Krieg. Nicht lamentierend der Großvater, sondern eher in sich gekehrt im Wissen, dass ihn die Jungen heute sowieso nicht verstehen. Hatte alles seine Gründe, selbst Erschießungen. Die alte Landser-Weisheit bis zuletzt wiederholt: „Geh mit dem Haufen, dann geht’s dir wie dem Haufen.“

Und doch gärt es in Drescher und seiner Generation individuell weiter. „Die Gruben, da sind sie wieder. Keinen Fuß brauchte ich in einen Stollen zu setzen, damit sie selbst mein Leben erreichten. Von den Wörtern angefangen, die Großvater aus den Schächten mitbrachte.“ Oder über einen Ginster, hinter dem er sich als KInd versteckte, damit Großvater ihn suchte: „Etwas von Großvater wird immer dort stehen und mich suchen.“ Das Lächeln, schreibt Drescher in einer Szene, „hat es schwer auf meinem Gesicht“.

Das Nahe so fern in dieser Beziehung zwischen Großvater und Enkel. Und das Unerhörte deutscher Geschichte, das im banalen Alltag eines Menschen lauert, der sich immer gegen die Umstände wehren musste, weil die gegen ihn waren.

Andreas H. Drescher stellt am Freitag, 24. August, um 19 Uhr im Großen Sitzungssaal des Landratsamtes Saarlouis seinen ersten Roman vor. „Kohlenhund“ basiert auf der Lebensgeschichte von Dreschers Großvater, der als Sohn eines Elsässers 1910 „als Deutscher geboren“ wird. Drescher wird 35 Minuten lesen, dann folgt eine 10-minütige Pause und eine weitere Lese-Zeit von 25 Minuten. Der Eintritt ist frei. Das Buch aus der Saarlouiser Edition Abel hat 220 Seiten und kostet 19,90 Euro.