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Digitales Barfußlaufen rettet uns nicht

In Zeiten nicht abnehmenden Lichts: Eugen Ruge (62), in Berlin und auf Rügen lebend. Foto: Frank Zauritz
In Zeiten nicht abnehmenden Lichts: Eugen Ruge (62), in Berlin und auf Rügen lebend. Foto: Frank Zauritz FOTO: Frank Zauritz
Saarbrücken. Mit einer Theaterfassung von Eugen Ruges Romandebüt „In Zeiten abnehmenden Lichts“ von 2011 wird am 16. September die neue Spielzeit des Saarländischen Staatstheaters eröffnet. Ruge hat derweil gerade mit „Follower“ seinen Familienroman in die Zukunft fortgeschrieben. Martin Halter

"In Zeiten abnehmenden Lichts" war so etwas wie "Die Buddenbrooks" in Rot: Über vier Generationen hinweg erzählte Eugen Ruge die Geschichte der DDR als Familienroman und seine eigene Familiengeschichte als Staatsroman; im Niedergang der Umnitzer-Sippe spiegelte sich die abnehmende Leuchtkraft der sozialistischen Utopie und umgekehrt. Der Großvater war ein unbeugsamer Kommunist, der Sohn hielt der DDR trotz aller Zweifel und Krisen die Treue. Der Enkel ging, wie sein Alter Ego Eugen Ruge, kurz vor der Wende in den Westen, sein Urenkel versackte zeitweilig in der Punk- und Drogenszene und fand am Ende den Weg ins Freie. "In Zeiten abnehmenden Lichts" war ein grandioser Erfolg: Mit dem Deutschen Buchpreis 2011 ausgezeichnet, verkaufte sich Ruges Debüt eine halbe Million Mal.



Jetzt, fünf Jahre später, hat Ruge seinen Familienroman in die Zukunft fortgeschrieben. Leider hat das Licht in jeder Beziehung weiter abgenommen: "Follower" ist kein kraftvolles Epos mehr, sondern nur noch eine wenig inspirierte Kreuzung aus Satire und Science-Fiction, "Matrix" und "The Circle". Wie Neo in "Matrix" kämpft hier ein gewisser Nio gegen die virtuellen Scheinwelten und computergenerierten Träume, die die Menschen narren und versklaven; wie Dave Eggers "Circle" prangert auch "Follower" den Datenhunger von Google, Facebook & Co. als neuen Totalitarismus an. Nio Schulz, 2016 geboren, ist der Enkel von Alexander Umnitzer, aber denkbar weit entfernt von den Kommunistenvätern aus "Zeiten des abnehmenden Lichts". Er verkauft als globaler Handlungsreisender sinnlosen Luxus und Bullshit. Jetzt, 2055, ist er in Wu Cheng, um den Chinesen Apps für "True Barefoot Running" anzudrehen: Fitnesstracker fürs gefühlsechte Barfußlaufen, ein typisches Produkt des Konsumkapitalismus im letzten Stadium.

Man hätte daraus eine kleine Erzählung, eine gallige Satire machen können, aber Ruge hatte die unglückliche Idee, so etwas wie einen Zukunftsroman um all das herum zu basteln, was ihm schon in der Gegenwart gegen den Strich und auf die Nerven geht: Smartphone-Kult und Internet, Geruchsmarketing, durchsichtige Designer-Burkas, ukrainische Leihmütter, Tofu-Eisbein für Vegetarier und ähnliche Exzesse der schönen neuen Welt. Nio denkt nicht positiv, sondern negativ, extrem "negertief", wie er gern provozierend höhnt. Damit eckt er nicht nur bei der feministischen Sprach- und Sittenpolizei an. Wenn Nio, einst "Anderdok"-Punk, jetzt bekennender Homo- und Technophober und Mitglied der Selbsthilfegruppe der "Anonymen kritischen weißen Heterosexuellen", über politisch korrekte Sprachregelungen oder "fotoidentische Scheintitten" lästert, klingt er manchmal wie ein Akif-Pirinçci-Blog.

Der Kulturkritiker in ihm kann nicht länger mit an- und einsehen, wofür der Mensch Muskelimplantate, Brain-Tuner und essbare Zimmermädchenkostüme braucht. Warum man Atombomben gegen die Klimakatastrophe zünden, aber nicht mal mehr Frauen nachschauen darf. Warum man statt schwarz "stark Eumelamin-pigmentiert" sagen soll und "Negerkuss" besser gar nicht mehr, und warum jemand Selfies von seinem Kokoskuchen oder den Hundefriseurweltmeisterschaften in Peking postet. Das Bashing der Generation Facebook war schon in Ruges Reiseskizzen-Buch "Annäherungen" ermüdend. Auch diesmal wird man der Attitüden und Abneigungen des verfolgten "Followers" bald überdrüssig.

Der Handlungsfaden ist dünn: In einem chinesischen Hotel aufgewacht, findet Nio: Es reicht jetzt. Genug der Fakes und Avatare der globalen Virtualisierung, genug des Identitäts- und Realitätsverlusts, der bioelektronischen Stimmungsaufheller und Motivationspillen. Der Barfuß-Vertreter steigt aus, verschwindet im echten Leben. Endlich wieder Gefühle, Gerüche und Geräusche wie zu Großvaters Zeiten. Zurück bleiben: Nios Beinahe-Freundin, seine bulgarische Vorgesetzte Laila, verhasste Kollegen, subversive Hacker, ratlose Therapeuten und die Terrorjäger vom BKA, die den flüchtigen Kulturkritiker hektisch zu orten versuchen.



Ruges "Follower" ist eine ebenso rasente wie konfuse Abfolge von Biografien, Bildern und Gedanken, die sich erst am Ende in bukolischen Szenen und buddhistischer Stille beruhigen.

Eugen Ruge: Follower. 14 Sätze über einen fiktiven Enkel. Rowohlt, 320 S., 22,95 €.