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Zehn Jahre Wettbewerb „Créajeune“ für junge Filmemacher
Bildungsnotstand durch kollektive Blähungen

Aus dem bewegenden Film „Moments d‘histoire“, in dem sich Schüler mit der deutschen Besetzung Belgiens auseinandersetzen.
Aus dem bewegenden Film „Moments d‘histoire“, in dem sich Schüler mit der deutschen Besetzung Belgiens auseinandersetzen. FOTO: Créajeune
Saarbrücken. Am Mittwoch und Donnerstag macht der Videowettbewerb Créajeune Station in Saarbrücken. Es gibt ihn seit zehn Jahren. Von Tobias Kessler
Tobias Kessler

Mobbing per Handy, Gewalt in der Familie und auch Blähungen durch allzu viele Hülsenfrüchte – die Filme bei Créajeune beackern ein weites Feld. Der Videowettbewerb in der Großregion feiert 2018 seinen zehnten Geburtstag und hat dazu sein Programm diesmal etwas erweitert: Der Luxemburger Regisseur Andy Bausch etwa bot Mitte Januar eine Masterclass für junge Filmemacher an, und am Mittwoch gibt es in Saarbrücken Workshops zu den Themen „Hass im Netz“ und Animationstrick.
Der Wettbewerb, ausgerichtet vom Saarländischen Filmbüro und Partnern aus Lothringen, Luxemburg, Rheinland-Pfalz und der Wallonie, ist seit Mitte Januar unterwegs: Da waren Filme junger Erwachsener in der Luxemburger Cinémathèque zu sehen, die Werke von Jugendlichen liefen vor wenigen Tagen im Metzer Théatre du Saulcy – am Mittwoch und Donnerstag nun werden die Filme von Kindern in Saarbrücken gezeigt: im Kino Achteinhalb und im Filmhaus.
Was gibt es zu sehen? 32 Filme mitten aus dem Schülerleben gegriffen etwa in „#Gewalt – nicht mit uns!!!“ von der Gemeinschaftsschule Mettlach-Orscholz: Fälle von schulischer Erpressung, familiärer Gewalt und Mobbing via Handy werden nachgestellt, jeweils gefolgt von dem Credo „Nicht mit uns!“. Der Trickfilm „Rollentausch“, auch aus Mettlach-Orscholz, lässt einen Mobber die Hautfarbe seines Opfers annehmen, worauf der sich „echt bescheiden“ fühlt und, das wirkt etwas didaktisch, sofort umdenkt, denn „die Welt ist bunt“ und „Gewalt keine Lösung“.


Sehr charmant ist „Sieben Arten von Geheimniskrämern“, ein Film des Filmbüros und des Theaters Überzwerg über stoische oder auch mangelnde Verschwiegenheit. Flott und sehr auf Augenhöhe der Kinder inszeniert, gibt es auch ein paar sehr natürliche junge Darsteller zu entdecken – nicht zuletzt ein Mädchen, das beharrlich bis zur Unendlichkeit „Bitte, bitte, bitte“ sagt. Und die jungen Darsteller danken im Film sogar ihren Sponsoren – das zeigt eine gewisse Erfahrung im Kulturbetrieb.

Eine Tradition bei Créajeune ist es, dass aus Frankreich mehr Trickfilme kommen als aus Deutschland: Etwa der Lothringer Beitrag „Le grand départ vers l‘Algérie“ über eine Familie, die nach Afrika fliegen will, dann aber doch zu Hause bleiben muss und sich beim (realen) Festival des arabischen Films in Fameck tröstet. Aus Lothringen kommt auch der witzige Zeichentrickfilm „Les légumineuses“, in dem Schüler sich gegen den Koch der Kantine auflehnen müssen –  denn seine hülsenfruchtintensive Küche erschwert den Schulbetrieb: Bildungsnotstand durch kollektive Blähungen.

Eine der schönsten Arbeiten ist der aufwändige Puppentrickfilm „Le secret de la Crassoulette“ aus der Wallonie, ein Krimi um eine alte Dame, dem man viel Arbeit beim Dekorationsbau und der bildweisen Animation der Figuren ansieht. Besonders gelungen ist „Moments d‘histoire – 40-45 Résistance et déportation“. Mehrere Schulklassen aus der Wallonie spüren der Zeit der deutschen Besetzung Belgiens während des Zweiten Weltkriegs nach – indem sie historische Fotos mit selbstgemalten Papierfiguren verbinden, alte BBC-Radio­mitschnitte verwenden und mit Zeitzeugen sprechen. Der Kontrast zwischen brutalen Episoden von Deportation und der Unschuld der Kinderstimmen, die sie erzählen, ist sehr berührend. Das sind sehr dichte und packende 16 Minuten Nachwuchsfilm.

Die insgesamt 32 Filme laufen am Mi und Do in vier Programmen im Kino Achteinhalb und im Filmhaus in Saarbrücken. Eintritt frei.
Termine unter www.creajeune.eu