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Kassel, Du Nabel der Welt

Kunst-Attacke: Drei ausgelaufene Farbbecher verwüsten (oder beleben?) den Kubus „The Weight of Uncertainty” von Guillermo Faivovich und Nicolas Goldberg. Fotos: Real Fiction
Kunst-Attacke: Drei ausgelaufene Farbbecher verwüsten (oder beleben?) den Kubus „The Weight of Uncertainty” von Guillermo Faivovich und Nicolas Goldberg. Fotos: Real Fiction
Saarbrücken. Alle Jahre wieder wird das beschauliche Kassel zum Nabel der Kunstwelt – wenn die documenta stattfindet. Zwei Regisseurinnen haben die documenta 13 und deren Wirkung auf die Stadt beobachtet. Entstanden ist eine flotter Film, der weder in Anbetung moderner Kunst erstarrt noch die bornierte „Das kann ja jeder“-These stützt. Tobias Kessler

Charmant klingt das nicht: "Wer nach Kassel kommt, kommt nur wegen der Kunst", sagt ein Künstler im Film. Aber es stimmt schon: Die documenta lockt in ihren 100 Tagen Laufzeit über 800 000 Besucher in die Stadt, die selbst keine 200 000 Einwohner und eine eher behäbige Anmutung besitzt. Über die Stadt während der documenta haben die Kasseler Schwestern Katrin und Susanne Heinz eine muntere Doku gedreht. "Art's Home is my Kassel " zeichnet die 100 Tage documenta 13 nach und ist an der offiziellen Perspektive der Schau wenig interessiert: Bei einer Pressekonferenz mit der Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev zeigt die Kamera vor allem den Medienzirkus, nur am Rande erklingen Verlautbarungen im aufgedonnerten Hochkultur-Duktus: "Ich bin das träumende Subjekt der Emanzipation".

Immer wieder kontrastiert der Film die Welt der Kunstschau mit dem ganz normalen Kasseler Leben, das ja auch weitergeht: Eine der wiederkehrenden Personen ist eine Taxifahrerin, die sich vor der documenta über die verödeten Straßen am Wochenende beklagt, aber während der 100 Tage Kunst genervt ist vom babylonischen Sprachgewirr der Passagiere auf ihrem Rücksitz und mancher Trinkgeld-Knauserigkeit. Dabei entgeht der Film der Klischeefalle von "abgehobener Kunst contra wirkliches Leben" und findet einen schlüssigen Weg zwischen den Extremen: dem bornierten "Das könnte ich ja auch/Das soll Kunst sein?" und der kritiklosen Anbetung moderner Kunst à la "Ich verstehe es zwar nicht, das muss dann aber sicher an mir liegen".

Zu sehen sind ein Schreiner beim Fertigen einer Ausstellungsvitrine, ein nervöser Architekt, der den Bau der 24 Kunst-Häuschen im Stadtgebiet betreut, und die chinesische Studentin Rui Yin, eine der vielen so genannten "Companions", die die Kunstinteressierten durch Räume, Pavillons und Klanginstallationen führen. Ein Ehepaar in Regenjacken schaut sich skeptisch einen zur Kunst geadelten Schrottplatz an, zwischendurch tritt der von der documenta nicht eingeladene Thierry Goeffroy auf, der sich mit Blauhelm als Gegenkünstler inszeniert und sein Zelt auf dem documenta-Gelände aufschlägt. Er muss gehen, die Occupy-Zelter dagegen begrüßt die documenta-Chefin medienwirksam (sie werden erst später weggeschickt).

Der Film zeigt, wie Kunst wirken kann, Menschen miteinander ins Gespräch bringt und zum Denken über sich selbst motiviert. Trotzdem muss man nicht jedes Werk hochschätzen, wie etwa einen Metallkubus auf einer Wiese, prätentiös "The weight of uncertainty" benannt. Der wird dann von einem Unbekannten mit Farbbechern attackiert. Vandalismus? Oder auch eine Kunstaktion?

Am Tag 100 der documenta gehen langsam die Lichter aus, und Kassel gehört wieder ganz sich selbst. Manche Kasseler werden aufatmen, andere auf die documenta 14 warten.

Ab morgen im Saarbrücker Filmhaus.

Zum Thema:

Auf einen BlickWeitere Filme : In der Camera Zwo (Sb) starten die herausragende Literaturverfilmung "Die Karte meiner Träume" und die Komödie "Die große Versuchung" mit Brendan Gleeson. Das Saarbrücker Filmhaus zeigt die Dokumentationen "Still" über das Leben auf einer Alm und "Mistaken for strangers" über zwei ungleiche Musiker-Brüder. Im Kino Achteinhalb läuft die Romanze "2 Herbst 3 Winter"; die Kinowerkstatt St. Ingbert zeigt den polnischen Film "Ferner schöner Schein". In vielen Kinos startet der gelungene Kinderfilm "Rico, Oskar und die Tieferschatten". red Termine und Kritiken morgen im treff.region.

Künstler Thierry Goeffroy: kein Gast der documenta, aber ein kommentierender Zaungast.
Künstler Thierry Goeffroy: kein Gast der documenta, aber ein kommentierender Zaungast.