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Reinhard Marx
Ein Motor der Kirche mit Draht nach Rom

Der Erzbischof von München und Freising, Kardinal Reinhard Marx
Der Erzbischof von München und Freising, Kardinal Reinhard Marx FOTO: dpa / Andreas Gebert
München/Trier. „Ich hänge an Westfalen, fest ins Herz geschlossen habe ich auch Trier und die Mosel, aber die Alpen, die Seen und die Stadt München, das ist schon ein Höhepunkt.“ Hört man Kardinal Reinhard Marx so über seine Lebensstationen schwärmen, wie er es unlängst wieder im Interview mit der Kirchenzeitung seines Erzbistums tat, klingt es immer auch nach einem Statement.

Ja, der Mann aus dem Westen, der sechs Jahre Bischof in Trier war, sieht sich nach elf Jahren in Bayern „dahoam“, und er will dort auch nicht mehr weg. Selbst wenn ein dringender Ruf aus Rom (wo er gestern wieder mit dem Papst zusammentraf) kommen sollte, über den gelegentlich spekuliert wird. Heute vollendet Marx sein 65. Lebensjahr.


Es gehört zu seinem Naturell, auch an so einem Geburtstag nicht zurück zu schauen, sondern nach vorn, und das durchaus kämpferisch. Dabei musste der seit 2014 amtierende Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz zuletzt einige Schockwellen verarbeiten. Der Streit der Bischöfe über den Kommunionempfang evangelischer Ehepartner von Katholiken wurde teils mit harten Bandagen und auch öffentlich ausgetragen. Manches sei „grenzwertig“ gewesen, sagte Marx danach. So wurden ihm Alleingänge vorgehalten, wo er sich selbst nur als Sachwalter der Mehrheitsposition sah.

Tatsächlich haben sich, seit Marx Konferenzvorsitzender und engster deutscher Papstvertrauter ist, einige aus innerkirchlichen Konflikten gewohnte Muster verändert. Wer früher bei Abstimmungen in der Bischofskonferenz unterlag, konnte in Rom meist auf offene Ohren und oft auch auf Korrekturen der deutschen Beschlusslage hoffen, wenn diese zu reformerisch ausgefallen waren. Diese Möglichkeit erscheint begrenzter, seit die Glaubenskongregation nicht mehr von einem konservativen Deutschen geleitet wird – und seit es der Vorsitzende der Bischofskonferenz selbst ist, der im Zweifelsfall den letzten Gesprächstermin beim Papst bekommt.



In der Amtszeit von Marx hat sich aber auch in der Bischofskonferenz selbst etwas verschoben. War das Gremium früher sehr auf Einmütigkeit und zumindest nach außen demonstrierte Geschlossenheit bedacht, treten inzwischen die theologischen und kirchenpolitischen Konfliktlinien schärfer zutage. Marx hält drängende Fragen für entscheidungsreif, wenn aus seiner Sicht hinreichend viele Bischöfe einig sind – selbst wenn eine Minderheit noch Gesprächsbedarf hat. Ziehen dann einzelne – wie etwa bei der Reform des kirchlichen Arbeitsrechts – zunächst nicht mit, findet er das nicht schlimm: Hauptsache, es geht voran. Damit löst er manchmal Stirnrunzeln aus. Auch ihm wohlgesonnene Mitbrüder merken dann an, er solle sich daran erinnern, dass der Konferenzvorsitzende nicht nur Motor, sondern vor allem Moderator sein sollte.

Ein schwerer Gang steht Marx nächste Woche zur Herbstvollversammlung der deutschen Bischöfe in Fulda bevor. Seit Tagen sorgt die durch Indiskretionen vorab bekanntgewordene Studie im Auftrag der Bischöfe zum Missbrauch von Minderjährigen durch Geistliche für Schlagzeilen – und auch für innerkirchliche Kontroversen. Eigentlich sollte die Studie erst beim Bischofstreffen publik werden.

Hinzu kommt für Marx das in Bayern schwieriger gewordene politische Fahrwasser für die Kirche. Mit Regierungschef Horst Seehofer (CSU) verband ihn selbst bei Meinungsverschiedenheiten ein guter Draht, man respektierte einander. Mit Markus Söder (CSU), dem neuen Ministerpräsidenten, hat der Erzbischof offenkundig bislang noch keine belastbare gemeinsame Basis gefunden.