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Die amerikanische Freude

St. Ingbert. Amerika also. Für den Macher eines Klassikfestivals schon mutig, diese Schwerpunktwahl. Gilt god's own country doch nicht gerade als Mutterland der Klassik. Eher schon als Stiefkind. Blues, Rock'n'Roll, Jazz, Musical und Pop - that's america Von SZ-Redakteur Oliver Schwambach

St. Ingbert. Amerika also. Für den Macher eines Klassikfestivals schon mutig, diese Schwerpunktwahl. Gilt god's own country doch nicht gerade als Mutterland der Klassik. Eher schon als Stiefkind. Blues, Rock'n'Roll, Jazz, Musical und Pop - that's america. Und die wenigen US-Komponisten, die sich Anerkennung im Konzertsaal erstritten, waren meist Grenzgänger, die nicht viel auf die Abgrenzung von E- und U-Musik gaben. Leonard Bernstein und George Gershwin sind fraglos solche Komponisten, die beispielhaft amerikanisch lässig das scheinbar Unvereinbare zusammenbrachten.



Kein Wunder, dass ihnen nun das offizielle Eröffnungskonzert der Musikfestspiele Saar in der Alten Schmelz in St. Ingbert gewidmet war. Und kein Pianist wäre wohl besser geeignet gewesen, dieses anything goes zu bekräftigen, als Tzimon Barto. Die Kritik lobt ihn gern als Mann der vollendet leisen Töne. Dabei schaut er aus, als könne er seinen Konzertflügel auch solo transportieren. Drei Passionen hat Barto: Piano, Poesie und Bodybuilding. So gab's denn als Zugabe neben einem Gershwin-Prélude auch ein Barto-Poem, nicht weniger fein gedichtet und makellos deutsch rezitiert. Nun aber zum Hauptwerk Bartos an diesem Abend: Gershwins F-Dur-Konzert. Im Grunde sinfonischer Jazz, ein wenig auch gezähmt für den Konzertsaal. Doch Bartos kraftvolles und dennoch kultiviertes Spiel ließ das Wilde, das Ursprüngliche wieder ahnen. Und es war ein Fest, ihn mit der Deutschen Radio Philharmonie zu hören.

Die hatte sich zuvor unter ihrem Chef Christoph Poppen schon bei Bernsteins "Candide"-Ouvertüre prächtig präsentiert: forsch im Tempo und ganz konzentriert auf die hinreißende Melodik. So, genau so muss es klingen, soll zu hören sein, dass Bernsteins Musicals die Opern des 20. Jahrhunderts sind.

In seiner "Kaddish"-Sinfonie freilich wird noch mehr gefordert. Hier werden Dirigent und Orchester alles abverlangt, um trotz dieser musikalischen Materialflut stets an den wesentlichen Gedanken der Partitur festzuhalten. Angelehnt an die rituelle jüdische Totenklage komponierte Bernstein im Widerstreit von klassischer Harmonik und Atonalität ein Werk, das Anfeindung, Vertreibung und Leiden zu Klang werden lässt. Das ist beinahe schon Musiktheater, da neben einer Sopranpartie (Juliane Banse) auch eine Sprecherrolle vorgesehen ist. Die war mit dem Schauspieler August Zirner denn auch vortrefflich besetzt (auch wenn man leider nicht zur eindrücklicheren Textvariante des KZ-Überlebenden Samuel Pisar griff). Mächtige Chöre kommen noch hinzu. Eigens dazu waren der koreanische Nationalchor, der Ulsan Metropolitan Chorus und der Gwacheon Metropolitan Children's Choir angereist; große Stimmen und zugleich exzellente Vorboten für 2011, wenn die Musikfestspiele Saar Asien zum Thema haben. Für Dirigent Christoph Poppen in St. Ingbert viel Gelegenheit, sich als vortrefflicher Gestalter zu beweisen.

Fehlt noch was? Ja, nachzutragen wäre, dass die Eröffnungsreden - Festivalchef Robert Leonardy, Ministerpräsident Peter Müller und die US- Generalkonsulin Jo Ellen Powell erfreulich kurz(weilig) waren. Und die Halle bei der US-Hymne prompt aufstand wie ein Mann. Ob das in den eisigen Bush-Zeiten so protokollarisch einwandfrei geklappt hätte?