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Analyse In der Nacht vom 20. auf den 21. August 1968 schlugen Armeen mehrerer Warschauer-Pakt-Staaten die Reformbewegung in der Tschechoslowakei nieder.
Der Prager Frühling wird lieber verdrängt

1968: Der damalige Führer der tschechoslowakischen KP, Alexander Dubcek, wollte einen humaneren Kommunismus.
1968: Der damalige Führer der tschechoslowakischen KP, Alexander Dubcek, wollte einen humaneren Kommunismus. FOTO: dpa / DB
PRAG (kna) Die Redaktion der Prager Zeitung „Lidove noviny“, die sich mit Geschichte befasst, ist winzig.

Dennoch macht sie sich immer wieder mit Sonderbeilagen zu wichtigen Daten der tschechischen, mitunter auch tschechoslowakischen Geschichte verdient. Am 20. Juli begann sie mit einer einmonatigen Serie, die dem 50. Jahrestag des Endes des Prager Frühlings gewidmet ist. Mit – wie die Zeitung schreibt – neuen Zeugenaussagen und bisher unveröffentlichtem Material. Das ist deshalb so wichtig, weil der Prager Frühling zu den längst abgehakten Themen im heutigen Tschechien gehört. Schulkinder erfahren darüber so gut wie nichts. Die Erlebnisgeneration stirbt langsam weg. Viele wollen auch einfach nicht mehr über die schmerzhafte Niederlage reden. „Wer macht das schon gern?“, sagte der 2015 verstorbene Schriftsteller Ludvik Vaculik einmal.


Vaculik hatte mitten im Prager Frühling eines der wichtigsten Dokumente verfasst, die „2000 Worte“. Damit lieferte er für die breite Öffentlichkeit eine Analyse des alles beherrschenden Totalitarismus. Für Moskaus KP-Chef Leonid Breschnew war dieser Text der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. In Prag, so seine Überzeugung, sei die „Konterrevolution“ nur noch militärisch aufzuhalten. Bis Sommer 1968 gab er dem Führer der tschechoslowakischen KP, Alexander Dubcek, noch Zeit, selbst umzusteuern. Nach einem Treffen an der slowakisch-ukrainischen Grenze fiel dann die endgültige Entscheidung zum Einmarsch.

Während die Bevölkerung mit bloßen Fäusten und rasch gebauten Barrikaden gegen die Panzer vorging, wurden Dubcek und die anderen aus der Parteiführung nach Moskau deportiert. Nach ein paar Tagen knickten sie ein und unterzeichneten ein erniedrigendes Protokoll über die „zeitweise Anwesenheit“ fremder Truppen auf tschechoslowakischem Territorium. „Zeitweise“ war ein dehnbarer Begriff. Erst nach der Samtrevolution 1989 zogen die Russen ab. In der Periode dazwischen versank das Land in einer bleiernen Zeit.



„Die Kirche konnte gewisse Freiräume noch eine Zeitlang nutzen“, berichtete später der Prager Theologe Oto Madr. „Es erschien eine Reihe von Büchern; öffentliche Vortragsreihen konnten veranstaltet werden (...). Erst mit Beginn der Ära des Dubcek-Nachfolgers Husak konnten die Kommunisten alles wieder zurückdrehen.“ Madr war eine der wichtigsten Persönlichkeiten der katholischen Kirche Böhmens in der Zeit der kommunistischen Unterdrückung. Bis 1989 war er einer der führenden Organisatoren des kirchlichen Untergrunds und zählte zu den wichtigsten Beratern des damaligen tschechischen Primas, Kardinal Frantisek Tomasek. Dieser wiederum gehörte zu den maßgeblichen kirchlichen Wegbereitern des gesellschaftspolitischen Umsturzes 1989.

Die liberal-konservativen Bürgerdemokraten von Vaclav Klaus, die liberale Bürgerallianz um Petr Pithart oder andere Gruppierungen sprachen bestenfalls von einer „Auseinandersetzung zwischen verschiedenen Flügeln innerhalb der Kommunistischen Partei“. Auch für Dubcek gab es 1989 nicht den von ihm selbst erhofften Posten des Staatspräsidenten. Der blieb Vaclav Havel vorbehalten. Immerhin wirkte Dubcek bis zu seinem Tod nach einem Unfall noch repräsentativ als Parlamentspräsident und sorgte auf zahlreichen Auslandsreisen für die Reputation der Tschechoslowakei. In der Slowakei gilt er bis heute als Ikone. In Tschechien ist das anders. Dort hielten ihn Achtklässler in einer Fernsehumfrage vor vielen Jahren für einen Eishockey-Star.