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Belgische Bier-Kultur schlägt deutsche Reinheit

Saarbrücken. Irgendwas ist ziemlich dumm gelaufen für die deutschen Brauer. "Das Reinheitsgebot für Bier soll Weltkulturerbe werden" - vor exakt zwei Jahren hat der deutsche Brauerbund das gefordert. Bei der Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft und Kultur wurde ein entsprechender Antrag eingereicht. Doch die Unes co ließ die Deutschen abblitzen. Martin Rolshausen

Diese Woche nun hat die Kommission die belgische Bier-Kultur zum "immateriellen Kulturerbe der Menschheit" erklärt. Die Vielfalt, die große Tradition und die lebendige Brau-Kultur haben die Unesco überzeugt, dem Antrag aus Belgien zuzustimmen. Dasselbe kann man allerdings mit einiger Berechtigung auch über Deutschland sagen. Es stellt sich also die Frage: Was hat die belgische Brau-Kultur, was der deutschen fehlt?

Zum einen ist der belgische Bier-Markt vielfältiger als der deutsche. Zwar sprach der deutsche Brauerbund in seiner Unesco-Bewerbung von 1300 Brauereien, die "Tag für Tag eine weltweit einzigartige Vielfalt von über 40 verschiedenen Sorten und rund 5000 einzelnen Biermarken " produzieren. So einzigartig ist dieses Sortiment aber nicht wirklich: In Belgien ist die Bier-Landschaft noch breiter gefächert. Aber die eigentliche Antwort auf die Frage, warum die belgischen Brauer nun mit dem Weltkulturerbe-Siegel werben dürfen und die deutschen nicht, ist ausgerechnet das, was der Brauerbund für seinen größten Trumpf hält: das Reinheitsgebot.

Dieses Gebot sei zu sehr "Lebensmittelvorschrift" und weniger ein Kulturgut, ließ die Kommission verlauten, als sie den deutschen Antrag ablehnte. Außerdem sei die Bier-Produktion in Deutschland "inzwischen sehr industriell geprägt". Anders formuliert: Die belgischen Brauer sind erfolgreich mit kreativer Vielfalt, die auch ohne strenge Regeln zu enormer Qualität führt. Die deutschen Brauer dagegen halten sich an einem Kodex fest, der besagt, dass ins Bier nur gemälztes Getreide, Wasser, Hopfen und Hefe gehören.

Diesen Kodex erließ im April 1516 ein bayerischer Herzog, um die Bevölkerung vor mit allerlei gefährlichem Zeug gepanschtem Bier zu schützen - und nebenbei seine steuerlichen Interessen zu schützen. Der gesundheitliche Schutz der Bevölkerung ist nun europaweit geregelt. Und das belgische Bier ist ja nicht ungesund, nur weil etwa Trappistenmönche nach uralten Rezepten unter anderem Zucker oder Koriandersamen in den Braukessel geben.

Bleibt also das Argument der deutschen Brauer, dass das Reinheitsgebot ein Marketing-Instrument ist, ohne das der Bier-Konsum wohl zurückginge. Hier lohnt ein Blick nach Österreich: Im Nachbarland liegt der durchschnittliche Pro-Kopf-Verbrauch mal knapp über, mal knapp unter dem der Deutschen - bei rund 100 Litern im Jahr. Die Österreicher haben ihre Vorschriften aber längst ergänzt. Dort darf auch mit anderen natürlichen Zutaten gebraut werden. Der Absatz ist dadurch nicht eingebrochen. Im Gegenteil: Man spricht wieder mehr über Bier . Und der Konsument entscheidet, ob das Getränk seiner Wahl nach Reinheitsgebot oder nach anderen traditionellen Rezepten gebraut ist.

Im Jahr 501 nach dem Erlass des Reinheitsgebots würde es also auch der deutschen Bier-Kultur gut tun, wenn der Gesetzgeber mehr Freiheit ermöglicht. Dann klappt auch das mit dem Weltkulturerbe.