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Geschichte
Als die Bäume im Herbst ihre Früchte verloren

Der kleine Wichtel wollte nichts anderes, als im Wald ein wohlverdientes Schläfchen zu halten. Doch er fand einfach keine Ruhe... Von Elke Bräunling

„Autsch! Aua! Hey, du tust mir weh! Ich habe dir doch nichts getan!“ Der kleine Waldwichtel sprang auf und hielt sich den schmerzenden Kopf. Tief hatte er unter der großen Eiche geschlafen und bunt hatte er geträumt. Bis ihn auf einmal viele kleine Schläge auf Kopf und Bauch aufweckten.


Da! Schon wieder prasselten ein paar dieser gemeinen harten Dinger auf ihn herab. Der kleine Wichtel schlug um sich, doch er konnte sich nicht gegen die frechen Biester wehren. Er bückte sich und klaubte ein paar dieser Fremdlinge vom Boden. Seltsam sahen sie aus. Braun und glänzend waren ihre Gesichter. Auf dem Kopf trugen sie gelb-braune Hütchen.

„Wer seid ihr und was wollt ihr von mir?“, fragte er. – „Eicheln sind wir und zur Erde fallen wir“, antworteten die Fremdlinge. Der kleine Waldwichtel wunderte sich. Er deutete zur Baumkrone hinauf. „Oben ist es doch viel schöner. Den ganzen Wald könnt ihr dort sehen. Und den Himmel.“ – „Haben wir doch gesehen. Den ganzen Sommer lang. Groß und kräftig sind wir geworden. Nun ist es unser Job, uns in den Boden zu graben, Wurzeln zu bilden und Baumtriebe. Und dann werden wir neue Eichenbäume sein.“



Der kleine Wichtel, der zum ersten Mal den Herbst und seine Wunder erlebte, lachte. „Ha! Ihr Winzlinge wollt große starke Bäume werden? Niemals! Ihr schwindelt.“ – „Na ja“, nuschelten die Eicheln etwas kleinlaut. „Wir müssen natürlich erst wachsen. Dann sind wir kleine Bäumchen, dann größere, dann ganz große. Und eines Tages werden wir so groß sein wie unsere Mutter­eiche.“

„Und wann ist dieses ‚eines Tages‘?“, erkundigte sich der kleine Wichtel. – „In dreißig Jahren oder vierzig oder auch fünfzig Jahren. Manche von uns können viele hundert und mehr Jahre alt werden. Und ...“ – „Das dauert mir zu lange“, unterbrach der kleine Wichtel schnell. Unter hundert und mehr Jahren konnte er sich nichts vorstellen. „Ich komme dann mal in hundert oder mehr Jahren vorbei und besuche euch“, meinte er. Dann machte er sich auf die Suche nach einem neuen Baum, um dort sein Schläfchen fortzusetzen. Er fand ihn am Ende des Eichenwaldes mit einem dicken, hellen, graugrünen Baumstamm und einer runden, weit ausladenden Baumkrone.

„Prima.“ Er kuschelte sich in das Moospolster am Fuße des Baumes und schloss die Augen. „Hier gefällt es mir. Hier bleibe ich. Hier ist es ...“ Weiter kam er nicht. Eine Windböe strich durch den Wald und schüttelte die Krone des Baumes ein, zwei, dreimal hin und her.  Und viele hundert und mehr kleine Stachelköpfe, die braune Kerne in sich trugen, prasselten auf ihn herab.

„Hey!“, rief der kleine Waldwichtel. „Wer seid ihr und was wollt ihr? Und warum lasst ihr mich nicht schlafen?“ – „Wir sind Bucheckern und unser Job ist, uns in den Boden zu graben und Wurzeln zu bilden und Baumtriebe. Und dann werden wir neue Buchenbäume sein und in hundert und mehr Jahren ...“ Weiter hörte der kleine Wichtel nicht zu. Er hatte für heute genug gelernt und machte sich schnell auf den Heimweg zu seiner Wichtelhöhle. Dort fiel ihm garantiert nichts auf den Kopf.