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Unter Kirschblüten bleibt die Kanzlerin ganz höflich

Berlin/Tokio. Die Physikerin war erschüttert. Angela Merkel hatte immer geglaubt, dass Atomenergie in einem Hochtechnologieland wie Japan ein nur kleines, verantwortbares Restrisiko berge. Doch dann kam es im März 2011 zur Katastrophe von Fukushima. Kristina Dunz,Lars Nicolaysen (beide dpa)

Nach dem Super-GAU in Fernost vollzog die Kanzlerin eine radikale Kehrtwende ihrer Energiepolitik. Die gerade erst verlängerten Laufzeiten der deutschen Meiler wurden gekippt und der Atomausstieg auf 2022 vorgezogen. Vier Jahre später besucht Merkel nun Japan. Dort wird noch heftig um die Kernenergie-Nutzung gerungen.

Es gibt viel zu besprechen, und dabei geraten die Folgen des Dramas von Fukushima fast in den Hintergrund. Im Jahr der deutschen G7-Präsidentschaft will Merkel mit Ministerpräsident Shinzo Abe über die Themen beim Juni-Gipfel auf Schloss Elmau in Bayern beraten: die weltweite Gefahr von Epidemien, das Klima, die Wirtschaft und die Gleichberechtigung. Vor allem aber über die Ukraine-Krise mit Russland und den internationalen Terror. 2016 übernimmt Japan die Präsidentschaft der sieben großen Industrienationen. Seit dem vorigen Jahr tagen die USA, Kanada, Frankreich, Italien und Großbritannien wegen der Krim-Krise ohne Russland.

Die Christdemokratin Merkel und der rechtskonservative Abe kennen sich seit Jahren. Er war mehrfach in Deutschland, für sie ist es die dritte Kanzler-Reise ins Land der Kirschblüten. Allerdings liegt der letzte Besuch in Tokio schon sieben Jahre zurück. In dieser Zeit reiste Merkel oft nach China, was man in Japan genau registriert hat. Zwar wird in Berlin betont, es gebe im deutsch-japanischen Verhältnis keine echten Knackpunkte. Und deutsche Diplomaten sind penibel bemüht, nichts Negatives über Japan zu sagen. Doch hier spielt Höflichkeit eine große Rolle. Wie die Kanzlerin Tokios extrem lockere Geldpolitik als Finanzspritze für die Wirtschaft findet, eine Säule von Abes Wirtschaftskonzept? Ausweichende Antworten. Und was ist mit Japans Umgang mit seiner Kriegsvergangenheit und das dadurch belastete Verhältnis zum Nachbarn China? Lieber keine deutschen Ratschläge.

Beide Seiten betonen lieber die Gemeinsamkeiten. Dazu zählt nicht nur das - bisher vergebliche - gemeinsame Engagement für einen Ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat . Aktuell noch wichtiger ist die Zusammenarbeit in der Ukraine-Frage. Japan schätzt Merkels führende Rolle im Krisenmanagement und wünscht sich, dass die enge Kooperation mit Deutschland weiter verstärkt wird. Gleiches gilt für das geplante Freihandelsabkommen zwischen Japan und der Europäischen Union, das beide Seiten auch im Wettbewerb zu China stärken soll. Zur Krönung ihres Besuchs empfängt Kaiser Akihito die Kanzlerin zu einer Audienz.

Nach Fukushima wird Merkel nicht reisen, für Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter ein Versäumnis. Am Mittwoch jährt sich der GAU zum vierten Mal. Das wäre seiner Ansicht nach eine passende Gelegenheit für die Naturwissenschaftlerin gewesen, am Ort des Unglücks über die "hochriskante Atomkraft" zu sprechen. Und über die Chancen von erneuerbaren Energien. Kurz vor ihrer Abreise kündigte die Kanzlerin immerhin an, die Öko-Energien in Japan zum Thema zu machen. "Sicherheit ist das oberste Gebot" - so bringt Merkel die Erfahrung aus der Fukushima-Katastrophe auf den Punkt.