Die französische Region Quércy ist Heimat berühmter mittelalterlicher Dörfer

Südwesten Frankreichs : Das Leben fließt langsam im Land der Türme

Die französische Region Quercy ist Heimat mittelalterlicher Dörfer, deren Reiz sich weder Könige noch Künstler entziehen konnten.

Es ist das Land von Rapunzel. Eine satte grüne Gartenlandschaft voller Schlösser und Türme. Tauben wohnen in Türmen, Dichter wohnen in Türmen, Maler wohnen in Türmen. Türme sind die Wahrzeichen der Region Quércy im Südwesten von Frankreich. „Die Türme gehörten dem König“ sagt Cécile May vom Tourismusbüro Rocamadour, „wenn er kam, dann durfte er im Turm wohnen.“ Doch der König kam selten. Und wenn, dann verschlug es ihn höchstens in den Wallfahrtsort Rocamadour – und da wohnte er tatsächlich im Schlossturm. Das winzige Dorf, das zum Unesco-Weltkulturerbe zählt, besteht aus einer einzigen Straße und einer Ansammlung von Kapellen, Kirchen und Höhlen, die in den überhängenden Fels hineingehauen wurden. Eine Kapelle folgt auf die nächste, ein Gewirr aus Treppen, Weihrauchduft, Kerzenlicht und glatten Kalksteinplatten, die von Millionen von Pilgerfüßen glänzend poliert wurden. Am Ende wartet eine schwarze Madonna, das Heiligtum von Rocamadour.

Die sanft hügelige Landschaft des Quércy mit den Flüssen Lot und Dordogne war schon früh besiedelt, von der Steinzeit bis hin zu den Kelten und Römern. Die Kurve in die Moderne hat die Region im 20. Jahrhundert aber nicht mehr bekommen, sie liegt abseits von Hochgeschwindigkeitszügen und Autobahnen – schnell geht hier gar nichts. Paris ist sehr weit weg, in jeder Hinsicht. Während glutenfreie Veganer-Menüs in Paris der letzte Schrei sind, bestellt man sich in den Restaurants an den Ufern des Lot oder der Dordogne selbstverständlich Gänsestopfleber als Vorspeise, es folgen Gänsekeulen mit Steinpilzen und mit Pflaumenschnaps übergossene Desserts. Natürlich nicht jeden Tag, man isst auch mal Kohlsuppe mit alten, aufgeweichten Brotscheiben wie in der volkstümlichen Auberge de la Fontaine in Autoire.

Die Restaurants in den Dörfern haben sich seit 250 Jahren wenig verändert, dazugekommen sind lediglich Strom und moderne Toiletten. Ansonst heizen bei Bedarf immer noch dicke, glimmende Holzscheite in großen Steinkaminen die Gaststuben, auf dem Boden liegen dunkle alte Dielen, die Tische bestehen aus massiven Holzplatten, auf denen Rotweinkaraffen mit dunkelrotem Cahors-Wein stehen. Eine verwunschene Gegend, in der die Zeit einfach stehengeblieben ist. Jeden Moment könnte eine Pferdekutsche halten, heraus klettert Marie Antoinette mit ihren Gesellschafterinnen, die kichernd ihre Seidenkleider in Form zupfen und eines der steinernen Herrenhäuser beziehen.

In den 50er Jahren kamen Maler und Philosophen in das kleine Dorf St. Cirq Lapopie, das auf einem Kreidefelsen hoch über dem Fluß Lot thront. Die beiden Maler Henri Martin und Pierre Daura brachten Picasso und seine Malerfreunde ins Dorf, der surrealistische Dichter André Breton war so fasziniert von den mittelalterlichen Steinhäusern, dass er von 1950 bis 1966 ein altes Haus in St. Cirq Lapopie notdürftig restaurierte und bis zu seinem Tod bewohnte. Auch er zog wiederum Dichter und Philosophen an. Und so wurde das ehedem verlassene Nest zu einem romantischen Refugium für Intellektuelle und Künstler. Derzeit soll der Sänger Roger Whittaker dort leben.

Das Dorf St. Cirq Lapopie wurde mehrfach zum schönsten in ganz Frankreich gekürt. . Foto: Dominique Viet/CRT Midi Pyrénées/Dominique Viet

St. Cirq Lapopie wird jedes Jahr von den Franzosen zum „hübschesten Dorf Frankreichs“ gekürt. Trotzdem wirkt es nicht künstlich, Landschaftgärtner sorgen für eine ästhetische Verkrautung mit simplen Wiesenpflanzen und Obstbäumen. Wie ein Dandy, der eine Stunde braucht, um so auszusehen, als habe er sich nie frisiert. So geht es auch den übrigen zu den „schönsten Dörfern Frankreichs“ gehörenden Orten wie Carennac, Loubressac oder Autoire. Die Dachziegel sind moosig, die Steine mit Flechten bewachsen, das ist alles Absicht und genauso gewollt. Wohlhabende Städter, die vom Landleben fantasieren wie einst auch Marie-Antoinette, finden hier ihre Traumhäuser. Besonders begehrt sind sie, wenn sie noch Rapunzel-Türme aufweisen. Vielleicht hängt ja mal einer eine dicke Haarsträhne aus dem obersten Fenster heraus. In Frankreich heißt Rapunzel übrigens Persinette: „Persinette, descendez vos cheveux que je monte“: Rapunzel, lass dein Haar herunter, damit ich hinaufsteigen kann. Wer diesen Satz auswendig lernt, kann sich damit zwar kein Fünf-Gänge-Menü bestellen, aber es ist schon mal ein guter Anfang, diese Region zu verstehen.

Mehr von Saarbrücker Zeitung