Reise: Wo Bayerns Adel seine Sommer verbrachte

Reise : Wo Bayerns Adel seine Sommer verbrachte

Besucher des Freistaats können zahlreiche opulente Schlösser besichtigen und dabei viel über die königlichen Feriendomizile erfahren.

Was für den Bürger das Ferienhäuschen am Land ist, war für den bayerischen Adel die Sommerresidenz. Meist weitläufiger und prächtiger als das Winterdomizil, da keine Räume mühsam geheizt werden mussten, konnten sich hier die gekrönten Häupter mit ihren Familien entspannen. Es gab zudem ausreichend Platz für Gartenanlagen, die zum ausgiebigen Lustwandeln genutzt werden konnten. Manch eine Prinzessin konnte hinter den Hecken heimlich ihren Kavalier treffen, manch ein Prinz im Pavillon ein ungestörtes Stelldichein mit seiner Auserwählten genießen.

Solch romantische Vorstellungen werden bei den Besuchern des Rokokogartens von Schloss Veitshöchheim geweckt. Das 1680 bis 1682 erbaute Sommerschloss der Würzburger Fürstbischöfe wurde im 19. Jahrhundert, als es bereits im Besitz der Bayerischen Krone war, von der königlichen Familie als Feriendomizil genutzt. Nach aufwendigen Restaurierungen können die historischen Schauräume und die üppigen Stuckarbeiten im Inneren von April bis Oktober besichtigt werden. Im Erdgeschoss befindet sich ein Modell der Grünanlage, das den berühmten Rokokogarten in der Blüte seiner Entwicklung gegen Ende des 18. Jahrhunderts zeigt. Heckensäle, Rondells, Wasserspiele, Pavillons, Lauben, Sandsteinskulpturen, künstliche Ruinen und Grotten zeugen vom Zeitgeist dieser Epoche.

Florale Vielfalt bietet der Botanische Garten des Barockgartens der fürstbischöflichen Sommerresidenz Eichstätt, die ab 1735 gebaut wurde und heute die Katholische Universität beherbergt. Neben historischen Pavillons, Alleen und Heckenornamenten gibt es mehr als 50 verschiedene Baum- und Straucharten zu entdecken. Im Gegensatz zum Garten ist das Innere der Residenz nicht öffentlich zugänglich. Doch mit besonderer Genehmigung können Stiegenhaus und Festsaal besichtigt werden. Letzterer birgt das eindrucksvolle Deckengemälde mit dem Titel „Frühling“, das von der Beschreibung des Reichs der Göttin Flora im Festkalender des römischen Dichters Ovid inspiriert wurde.

Den schönen Künsten sowie der mittelalterlichen Ritterkultur und der musikalischen Sagenwelt Richard Wagners galt das Interesse des bayerischen König Ludwigs II. Opulenz wie am französischen Königshof, verschwenderische Pracht wie in Schloss Versailles wollte er erleben. Entsprechend fantasievoll waren die Baupläne für seine berühmten Schlösser. Das kleinste und einzige, das 1886 und noch zu seinen Lebzeiten vollendet wurde, war Schloss Linderhof in Ettal. Der legendäre Märchenkönig liebte die Villa, die an ein französisches Lustschlösschen erinnert. Der menschenscheue Monarch verbrachte hier viel Zeit alleine. Heutige Besucher staunen über die prachtvolle Neorokoko-Ausstattung der Säle, die reiche Goldverzierung und das „Tischlein-deck-dich“, das mit einem Aufzug vom Erdgeschoss in das Speisezimmer des Königs gefahren wurde. Im ebenso sehenswerten Schlosspark ließ Ludwig II. Bühnenbilder aus Wagner-Opern nachbauen, unter anderem die „Venusgrotte“ aus Tannhäuser und die „Hundinghütte“ aus der Walküre. Andere Parkbauten erinnern an die Märchenwelt von Tausendundeinernacht. Ein Beispiel ist der Maurische Kiosk, ein Pavillon mit goldener Mittelkuppel und kleinen Minaretttürmen sowie Marmorbrunnen und kostbarem Pfauenthron im Inneren.

Schloss Veitshöchheim bei Würzburg wurde zwischen 2001 und 2005 restauriert. Foto: Konrad Rainer/Bayerische Schlösserverwaltung/Konrad Rainer

Dass der Monarch auch vom Orient fasziniert war, zeigt sich ebenso im Königshaus am Schachen, benannt nach dem Berg, auf dem es steht. Das hölzerne Gebäude im Stil eines Schweizer Chalets bietet einen Panoramablick auf die umliegende Bergwelt. Es wurde ab 1869 errichtet. Schlicht von außen, komfortabel im Erdgeschoss, prunkvoll im Obergeschoss: Im türkischen Saal feierte Ludwig II. alljährlich am 25. August seinen Geburts- und seinen Namenstag. Die vergoldeten, reich ornamentierten Wände, der kostbare Springbrunnen, die Kronleuchter, Kandelaber sowie die bunten Glasfenster beeindrucken bis heute Besucher des Saals. Was für Bürger Urlaub in der Holzhütte in den Bergen ist, war für König Ludwig II. offensichtlich ein luxuriöser Ausflug in orientalische Palastwelten.

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