Kommunikationswissenschaftlerin mahnt: Soziale Medien machen süchtig

Kommunikationswissenschaftlerin warnt : Wen die Sucht ans Smartphone fesselt

Die meisten Nutzer sozialer Medien bemerken gar nicht, dass sie Anzeichen einer Abhängigkeit zeigen.

Soziale Netzwerke verursachen Stress. Dem ist nicht jeder Nutzer gewachsen. Manche reagieren aggressiv darauf. Das haben Wissenschaftler aus Münster und Hamburg vor Kurzem berichtet. Doch die Überforderung kann auch zu einem sogenannten Social-Media-Burnout führen, sagt Kommunikationswissenschaftlerin Vanessa Häusler von der SRH Fernhochschule in Riedlingen. Diese Menschen fühlten sich durch die übermäßige Nutzung sozialer Medien völlig ausgebrannt.

Der Versuch, immer auf dem neuesten Stand der Dinge zu bleiben, lässt bei ihnen die Angst überhandnehmen, etwas zu verpassen. Dazu kommt der gefühlte Zwang, immer antworten zu müssen. Fast die Hälfte der 300 Teilnehmer einer Online-Umfrage, die Vanessa Häusler organisierte, sei überzeugt gewesen, zu viel Zeit bei Instagram zu verbringen. Doch genauso viele hatten das Gefühl, ihnen würde etwas entgehen, wenn sie lange nicht auf der Fotoplattform vorbeischauten.

Instagram habe deutlichen Einfluss auf das Gefühlsleben seiner Nutzer, stellt Häusler fest. Das Netzwerk, das zum Facebook-Konzern gehört, nutzen die Mitglieder, um Fotos und Videos auszutauschen und zu diskutieren. Die meisten schauen sich Bilder anderer Nutzer an, statt selbst welche hochzuladen. Eine ganze Reihe nutzt Instagram aber auch zur Selbstverwirklichung, erklärt Häusler. Die Plattform schaffe durch die Vernetzung ein Gemeinschaftsgefühl.

Den meisten Nutzern seien die negativen Einflüsse der sozialen Medien bewusst. Dazu gehört ein starkes Gefühl der Unzufriedenheit. Es entsteht, wenn sich ein Hobbyfotograf die vermeintlich perfekten Bilder Anderer anschaue; Fotos, die oft sorgfältig nachbearbeitet worden sind. Über eine ähnlich negative Wirkung sozialer Netzwerke haben Psychologen der Ruhr-Universität Bochum berichtet. Wer dazu neige, sich in sozialen Medien ständig mit anderen zu vergleichen, könne langfristig Depressionen entwickeln.

Bei Instagram hat Häusler jedoch einen verblüffenden Widerspruch festgestellt. Obwohl sich viele Nutzer bewusst seien, dass die Fotoplattform sie psychisch runterziehe, hindere das über 60 Prozent nicht daran, jeden Morgen noch vor dem ersten Kaffee dort vorbeizuschauen. Als abhängig beschreiben sie sich trotzdem nicht. 70 Prozent hätten angegeben, auf Instagram verzichten zu können. Von Psychostress berichten Instagram-Nutzer trotzdem, allerdings vorwiegend bei Anderen.

Immerhin, so Häusler, hätten in ihrer Umfrage einige Teilnehmer angegeben, erste Begleiterscheinungen eines Burnouts wie Müdigkeit, Stress und Niedergeschlagenheit zu verspüren. „Diese widersprüchlichen Angaben zeigen, dass die Nutzer selbst nicht einschätzen können, wie ausgeprägt ihre Abhängigkeit ist“, erläutert Häusler. Viele Teilnehmer der Umfrage beschrieben dieses Problem sehr distanziert und seien der Meinung, dass es sie selbst nicht betreffe. „Das ist wie bei anderen Süchten. Man nimmt selbst gar nicht wahr, dass man abhängig ist“, sagt die Wissenschaftlerin.

Wenn das Lesen oder die Veröffentlichung von Nachrichten zu Stress führt, lenken sich Mitglieder sozialer Netzwerke oft mit anderen Aktivitäten im Internet ab, berichten Forscher der Universitäten Lancaster, Bamberg und Erlangen-Nürnberg. Das könne am Ende dazu führen, dass eine sogenannte Technologiesucht entstehe. Was das bedeutet, erklärt Wirtschaftsinformatiker Christian Maier: Statt sich von einer Internetplattform zu lösen, wechseln Nutzer einfach in andere Bereiche derselben Plattform.

Kommunikationswissenschaftlerin Vanessa Häusler rät Mitgliedern sozialer Netzwerke, sich selbst genau zu beobachten. „Mit Apps lässt sich die Nutzung sozialer Medien verfolgen und man sieht, wie lange und wie oft man Instagram nutzt.“ Reizüberflutung entstehe nicht von heute auf morgen, so die Expertin. „Abonnierte Seiten sollten bewusster ausgewählt werden.“ Außerdem helfe es, sich eine tägliche Obergrenze für die Nutzung zu setzen. Häusler rät deshalb auch, Anwendungen von sozialen Medien nie auf der Startseite des Smartphones oder des Computers zu platzieren. „So sind sie nicht direkt auf den ersten Blick zu sehen, sondern im Hintergrund.“