Teenager neigen zu Essstörungen wegen sozialer Netzwerke

Kostenpflichtiger Inhalt: 20 Prozent Betroffene : Die Sucht nach Likes führt zur Essstörung

Etwa ein Fünftel der Jugendlichen in Deutschland zeigt Symptome einer Essstörung. Zu diesen können soziale Netzwerke wie Instagram beitragen.

Das soziale Netzwerk Instagram kann bei seinen Nutzern zur Entwicklung einer Essstörung beitragen – doch die Plattform kann auch die Genesung beschleunigen, wie Forscher des Internationalen Zentralinstituts für Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) in München und der Hochschule Landshut herausgefunden haben.

Laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung haben etwa 30 bis 50 von 1000 Menschen in Deutschland eine Essstörung. Unter Kindern und Jugendlichen liegt der Anteil bei etwa einem Fünftel. Betroffen sind vor allem Mädchen und Frauen. „Sie werden von klein auf über ihr Äußeres definiert“, erklärt Maya Götz, Leiterin der Studie am IZI. „Wir sehen in den Medien keine normalgewichtigen Frauen. Männer hingegen dürfen auch einen Bierbauch haben.“ So würden Frauen mit einem unerreichbaren Körperbild, das als perfekt angesehen wird, aufwachsen.

Zu diesen Medien gehört auch die Fotoplattform Instagram, deren Nutzer nur möglichst perfekte Bilder von sich veröffentlichen. In einer Umfrage erklärten 75 Prozent der Betroffenen von Essstörungen, dass sie Instagram aktiv nutzen, um Fotos zu verbreiten. Um das vermeintlich perfekte Bild zu kreieren, nutze die Mehrheit sogenannte Filter-Apps, mit denen Betrachtern Natürlichkeit, wie reine Haut oder schöne Zähne, vorgegaukelt werde. Es sei ein Zwang, solche Aufnahmen bei Instagram hochzuladen, erklärt Götz.

Sie sieht auf Instagram einen enormen Druck auf alle. Das führe dazu, dass Mädchen und Frauen so sein wollen wie auf den Online-Bildern, obwohl das unmöglich ist, weil diese Fotos verfälscht sind. Das führe die Mädchen zu dem perfiden Schluss, sie genügten nicht, so wie sie sind, erklärt Götz.

Die gefilterten Bilder sorgten bei Betroffenen für eine veränderte Selbstwahrnehmung, so Götz. Die Mädchen schauten sich die Fotos an und fühlten sich unwohl, weil sie die bearbeiteten Bilder als natürlicher empfinden, so Götz. Auch dies führe zu dem Gefühl, „nicht schön genug zu sein“.

Der Anspruch, perfekt zu sein, steigere sich auch mit Gefällt-mir-Klicks und Kommentaren, die Nutzer auf Instagram erhalten. „Für alle Jugendliche sind Likes und Kommentare wichtig. Wenn ich für ein Foto 100 Likes bekommen habe, will ich das beim nächsten auch wieder erreichen“, erläutert Götz. „Das ist wie ein Suchtverhalten.“ Durch die Aufmerksamkeit werde das Selbstbewusstsein der Betroffenen gesteigert, was wiederum dem angeschlagenen Selbstwertgefühl helfe.

Als Vorbilder für die Betroffenen gelten laut der Studie Influencer, also Personen, die sich in sozialen Netzwerken erfolgreich vermarkten, wie Topmodel Heidi Klum und Fitnessbloggerin Pamela Reif. Die Mädchen sähen bei Klum, sagt Götz, dass sie essen könne, was sie wolle, ohne zuzunehmen. Auch Fitnessmodels wie Reif sorgten dafür, dass die Mädchen den Lebensstil ihrer Idole nachahmen und so essen und trainieren wollen wie sie. Am Ende hätten sie ein schlechtes Gefühl, wenn sie scheitern.

„Influencer haben eine starke Wirkung auf junge Menschen. Sie müssen sich dieser Verantwortung bewusst sein“, erklärt Eva Wunderer von der Hochschule Landshut. Götz sieht das ähnlich. Sie habe erlebt, wie das Model Stefanie Giesinger geschockt reagierte, als ihr gezeigt wurde, dass ein Mädchen sich genauso wie sie inszeniert hatte. Das Model aus Kaiserslautern sei jedoch auch ein positives Beispiel für Influencer, denn es stehe zu seinen eigenen gesundheitlichen Problemen und den Operationsnarben, die sie trägt. Die 22-Jährige leidet unter einer Krankheit, bei der sich der Verdauungstrakt verdreht und so einen Darmverschluss verursacht, der teils operativ gelöst werden muss.

Götz findet, die Menschen müssten sich trauen, zum eigenen Körper zu stehen. Sie rät, ungefilterte Bilder mit Pickeln oder Fettröllchen zu veröffentlichen, denn die gehörten vor allem in der Pubertät dazu. „Wenn eine Influencerin für einen Pickelstift wirbt, darf sie das auch mit einem Pickel im Gesicht tun.“

Einen Schritt in diese Richtung gingen die Influencer, die dazu aufforderten, den eigenen Körper zu lieben, wie er ist, erklärt Götz. Fine Bauer, Model für große Größen, habe zum Beispiel auf diese Weise einer Person mit Essstörung geholfen, ihren Körper zu akzeptieren.

Um mehr Realitätsnähe in sozialen Netzwerken zu schaffen, gebe es noch nicht genügend Unterstützung im Bereich Medienkompetenz, kritisiert Götz. Die Technik schreite schneller voran, als sich die Medien darauf einstellen könnten. Seit einigen Jahren leistet Instagram jedoch selbst einen eigenen Beitrag zur Medienkompetenz seiner Nutzer. Wird auf der Plattform anhand bestimmter Schlüsselbegriffe nach Bildern gesucht, die ein schädliches Körperideal anpreisen, erscheint eine Warntafel, die über die möglichen Gefahren informiert. Bei manchen Schlagworten zeigt Instagram gar keine Treffer an.  „Das ist ein Zeichen von Verantwortung im Jugendschutz“, lobt Götz. Sie fordert, dass alle Betreiber sozialer Netzwerke einen Beitrag zur Gesundheit ihrer Nutzer leisten.

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