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Sprachwitz und Lebensernst

Nach dem Roman „Last Call“ aus dem vergangenen Jahr legt der im Saarland lebende Schriftsteller Jörg W. Gronius einen Band mit Gedichten vor: Von Göttern schreibt er, von Wohnungen und einer alten Frage: Ist Sophia Loren betörender als Gina Lollobrigida? Christoph Schreiner

Gedichte , so schreibt's einer vom anderen ab, "liegen wie Blei" im Regal - man kann es nicht mehr hören, auch wenn es stimmt. Sollte Jörg Gronius' Gedichtband "traum wohnungen & götter" eine kleine Verkaufschance haben, dann vielleicht an der Saar, wo er seit 2006 lebt und man ihn kennt. Seine Verse hätten es, anders als Gronius' Pseudo-Roman "Last Call" aus dem vergangenen Jahr, verdient.

Wie der Titel andeutet, besteht der Band aus zwei Abteilungen: Während der zweite, nicht nur dem Umfang nach schmälere Teil griechische Götter mit heutigen Augen betrachtet, dient im ersten, gewichtigeren der Topos der Wohnung als innere Klammer. Die Gedichte handeln von vorhandenen, verlassenen, erinnerten oder imaginierten Wohnungen - und spielen durch, inwieweit Bleiben und Gehen am Ende nur zwei Seiten ein- und derselben Lebensmünze sind. Prägt vielleicht nur der, der wiederkehrt, eine neue Währung?

Die ersten zwei Verse von "Daheim" könnten - besser als der vorangestellte "Efeu für Hans Arnfrid" (Astel) - als Motto des Bandes herhalten: "Ich lebe, wo ich wohne / und bin doch nie zu Haus." Neugier treibt das lyrische Ich, das man hier wohl mit Gronius gleichsetzen darf, immer wieder hinaus - und weg. Vor allem Berlin taucht als Lebens- und Erinnerungsraum auf. Hier wurde Gronius 1952 geboren, hier hat er lange gelebt und Schlafplätze behalten. Oft sind es nur einzelne Szenen - eine nächtliche Begegnung im Korridor etwa oder eine vorbeifahrende Hochbahn. Doch gelingt es ihm in den dichtesten seiner lyrischen Stücke, ein Lebensgefühl in wenigen Worten zu fixieren.

Überhaupt wird lyrische Reduktion gepflegt: Keine strophenlangen Ausschweife, keine Metaphernfischerei, kein Überladen der Verse, kein Tand, keine Pirouetten. Andererseits hat dieser Purismus einen Haken: Manche Gedichte halten sich an einen Kalauer, eine Pointe und fallen beim nochmaligen Lesen gleich in sich zusammen. Gedichte sind für Gronius erkennbar Gebrauchstexte. Nichts, was für die Ewigkeit halten müsste. Umso leichtfüßiger kommen sie daher. Voll schalkhaften Spotts etwa "Zeichen", das von der Sorge kündet, auf dem Land zu lesen (die Leinenhosen könnten leiden) und von Kommunarden verhöhnt zu werden. Oder das an Gedichte Robert Gernhardts erinnernde Zeitbild "Die Geschichte der O's", das Gronius' dramaturgische Erfahrung zeigt und sich als Loriot-Sketch denken lässt. Es handelt vom Streit unter älteren Herren über die Frage, wer betörender war: die Loren oder die Lollobrigida ("aber bedenkt ruft der Vater die / spiegeleiförmigen Os im Namen / Sophia Lorens das hätte die Lollo / ja gerade erst recht ruft ein Blinder / da nicken sie alle") Das schönste Gedicht, eine Frühjahrsfeier ("Frühling"), entschädigt für manch' Unerhebliches.

Während in den "traum wohnungen" schon mal Thomas Bernhard und Uwe Johnson kurz durchs Bild laufen, ebenso Boris Becker oder die Schauspielerinnen Magdalena Montezuma (Werner Schroeters Muse) und Libgart Schwarz (die von Peter Stein und Luc Bondy ), begegnen uns im zweiten Teil Aphrodite im Neopren, Apoll als "unwiderstehlicher Strahlemann" oder Kriegsgott Ares als "Erfinder der drahtlosen Kommunikation". Das Flapsige nimmt in diesen allzu vordergründigen Götter-Neuschreibungen überhand. Doch gelingt Gronius mit "Orpheus" eines der bleibenden Gedichte , das die Balance hält zwischen Sprachwitz und Lebensernst, die auszuloten ersichtlich eines seiner größten Steckenpferde ist.

Jörg W. Gronius: traum wohnungen & götter. PoCul Verlag für Politik und Cultur, 88 Seiten, zwölf Euro.