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Anschlag auf BVB-Bus
„Wir dachten, dass wir jetzt sterben“

Nur wenige Meter nach dem Start vom Teamhotel explodierten die Splitterbomben am Mannschaftsbus von Borussia Dortmund.
Nur wenige Meter nach dem Start vom Teamhotel explodierten die Splitterbomben am Mannschaftsbus von Borussia Dortmund. FOTO: Marcel Kusch / dpa
Dortmund. Im April erschütterte ein Attentat auf den Bus von Borussia Dortmund nicht nur den Fußball. Jetzt steht der mutmaßliche Attentäter vor Gericht. Von Pascal Becher, Martin von Braunschweig und Heinz Büse
Pascal Becher

(dpa/SZ) Dort, wo Fußball wie kaum irgendwo sonst gelebt wird, herrschen am Abend des 11. April eine beängstigende Stille, Leere und Angst. Zehntausende Fans von Borussia Dortmund haben sich im Signal-Iduna-Park auf die Champions-League-Partie gegen den französischen Vertreter AS Monaco gefreut – und schauen nun irritiert auf eine Videotafel im Stadion. „Bei Abfahrt unseres Busses hat sich ein Vorfall ereignet. Eine Person wurde verletzt. Weitere Infos folgen“, steht da. Der „Vorfall“, wie sie später erfahren werden, ist ein Anschlag mit drei Splitterbomben.


„Wir dachten alle, dass wir jetzt sterben“, sagt Mikel Merino. Der Fußball-Profi hat das Attentat hautnah erlebt. Dem „Guardian“ schilderte er jetzt die dramatischen Szenen, die sich damals im Innern des Mannschaftsbusses abgespielt haben. „Einige Spieler haben sich auf den Boden geworfen und den Busfahrer angeschrien, dass er uns wegbringen soll. Wir wussten ja nicht, ob es noch mehr Bomben geben würde. Oder ein Killerkommando in den Bus stürmt und uns erschießt.“ Nicht nur die Bilder werden Merino und seinen damaligen Mitspielern in Erinnerung bleiben. Es sind auch die Schmerzensschreie ihres Kollegen Marc Bartra. Splitter bohrten sich in dessen Arm, so Merino, der nach der Saison nach England wechselte.

Spätestens morgen werden alle im Club an diese schrecklichen Stunden des April-Tages denken. Denn dann beginnt vor dem Dortmunder Landgericht der Prozess gegen den mutmaßlichen Attentäter. Das Medien-Interesse ist gewaltig: Mehr als 50 Journalisten aus dem In- und Ausland werden zum Verhandlungsauftakt erwartet. Darüber hinaus richtet sich das Gericht auf lange Wartezeiten für die ebenfalls rund 50 Sitzplätze für Zuschauer ein.

Im Fokus steht dann Sergej W. – der Angeklagte. Die Staatsanwaltschaft wirft dem 28-Jährigen aus Rottenburg am Neckar 28-fachen Mordversuch und Herbeiführen einer Sprengstoffexplosion vor. Heimtückisch, aus Habgier und mit gemeingefährlichen Mitteln habe der Elektrotechniker gehandelt, so die Anklage. Der Mann, der 2003 seine russische Heimat verlassen hat und inzwischen einen deutschen Pass besitzt, bestreitet die Tat jedoch. Bisher soll er erklärt haben, er habe in Dortmund lediglich Urlaub gemacht. Die Ermittler sind jedoch davon überzeugt, dass W. am 11. April drei selbst gebaute Sprengsätze in einer Hecke am Mannschaftshotel des BVB im Dortmunder Süden deponiert hat. Als das Team schließlich gegen 19 Uhr für die Fahrt zum Stadion eingestiegen war und der Bus sich langsam in Bewegung setzte, soll er die Bomben mithilfe von Fernzündern zur Explosion gebracht haben. Metallsplitter flogen als todbringende Geschosse durch die Luft. Ein Polizist, der den Bus auf einem Motorrad begleitete, erlitt ein Knalltrauma.

An Fußball war damals nicht mehr zu denken. Eigentlich auch nicht am darauffolgenden Tag. Dennoch wurde das Spiel nur einen Tag später angepfiffen. „Das war schon eine Ex­tremsituation“, sagte Hans-Joachim Watzke gestern den „Ruhr“-Nachrichten. Der Geschäftsführer des Fußball-Bundesligisten trug damals die Entscheidung der Champions-League-ausrichtenden Uefa – genau wie viele Spieler auch –, die Partie nur 24 Stunden später anzusetzen. „Wir hatten an diesem Abend und am Tag danach noch alle das Gefühl, dass es sich um einen Terroranschlag handelte. Es ging dann einfach um die Frage, willst du als Gesellschaft ein Zeichen setzen unter der Berücksichtigung, dass du von den Spielern fast Unmenschliches verlangst, oder nicht. Das war die eigentliche Botschaft.“ Dass es sich um einen „Hochkriminellen oder vielleicht Gestörten“ gehandelt habe, konnte man, so Watzke, damals nicht wissen.



Die ungeheuerlichen Hintergründe der Tat irritieren Watzke noch heute. Sergej W. soll den Tod von 28 Menschen in Kauf genommen haben, um selbst ein reicher Mann zu werden. Der BVB ist der einzige Fußballverein in Deutschland, dessen Aktien an der Börse gehandelt werden. Laut Anklage kaufte W. in der Woche vor dem Anschlag für über 26 000 Euro Optionsscheine und Kontrakte – und schloss mit diesen sozusagen eine Wette auf einen fallenden Kurs der BVB-Aktie ab. Wäre der Kurs tatsächlich auf einen Euro abgerutscht, hätte der 28-Jährige über eine halbe Million Euro Gewinn gemacht. Am Ende erzielte er lediglich knapp 5900 Euro.

Seine Tat wollte der Attentäter kaschieren. Mit drei Bekennerschreiben, die am Tatort gefunden wurden. Deren Inhalt ist zwar nicht bekannt. Tagelang wurde in den Medien über mögliche islamistische Hintergründe spekuliert. Kurzzeitig nahm sogar die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe die Ermittlungen auf. So lange, bis die Spezialeinheit GSG 9 Sergej W. zehn Tage nach der Tat festgenommen hatte. Kurz, nachdem die auffälligen Finanzgeschäfte ans Licht gekommen waren. Außerdem fanden die Ermittler bei ihm offenbar Hinweise, dass er vor dem Anschlag zahlreiche Elektroartikel gekauft hatte, die für den Bau einer Bombe verwendet werden könnten.

Erschreckend ist auch ein letztes bekanntes Detail aus den Akten der Anklage. Am Tag des Attentats soll der 28-Jährige ein Zimmer im Mannschaftshotel „L‘Arrivee“ bewohnt haben. Also ganz dicht bei seinen späteren Opfern. Einige von ihnen werden wohl auch morgen im Gerichtssaal sein. Sie haben sich als Nebenkläger dem Verfahren angeschlossen.

Das Achtelfinal-Hinspiel am Tag nach dem Anschlag hatte der BVB übrigens mit 2:3 gegen den AS Monaco verloren. Aber das verwunderte angesichts der emotionalen Ausnahmesituation niemanden. „Von dem Moment an, als ich vom Anschlag hörte, wusste ich, dass die Champions-League-Saison für uns zu Ende ist“, sagt Hans-Joachim Watzke.

Profi Marc Bartra postete später ein Foto mit bandagiertem Arm.
Profi Marc Bartra postete später ein Foto mit bandagiertem Arm. FOTO: Uncredited / dpa