Warum?

Franz, wenn was ist, nur melden!“ – dieses nette Angebot des bayerischen Finanzministers Ludwig Huber ist gut 40 Jahre alt und wurde „Kaiser“ Franz Beckenbauer für den Fall von Problemen mit dem Fiskus gemacht. An diese paradiesischen Zustände unter Franz Josef Strauß werden sich einige Besitzer großer Vermögen heute noch sehnsuchtsvoll erinnern, denn die Zeiten haben sich gründlich gewandelt.

Das erfährt nun Uli Hoeneß schmerzhaft.

Es ist Spekulation, aber eine gut begründete: Zu Zeiten von Strauß wäre wohl nicht ans Licht gekommen, wenn Hoeneß dem Finanzamt ein paar Millionen vorenthalten hätte. Der Bayern-Boss war bislang auch unter Ministerpräsident Horst Seehofer ein christsozialer Vorzeige-Promi mit Breitenwirkung. Dennoch dürfte der 61-Jährige nun zum Spielball im Bundestags- und im bayerischen Landtagswahlkampf werden. Selbst die Saar-SPD versuchte gestern bereits, Kapital aus dem Fall zu schlagen. "Die Mitarbeiter bei Ford an der Werkbank, die Schaffer am Hochofen oder die Kassierer im Supermarkt erwarten richtigerweise, dass nicht nur sie die Steuerlast dieses Landes tragen. Es kann nicht sein, dass die Reichen sich wegducken", ließ die Partei wissen.

Und der Sünder selbst? Das Wenige, was Hoeneß seit Bekanntwerden der Affäre von sich gegeben hat, klingt nach Entschlossenheit, auch nach Wut. "Gegen die Exzesse in einigen Berichterstattungen werde ich mich anwaltschaftlich zur Wehr setzen", sagte er dem "Münchner Merkur". Verstecken will er sich nicht. Heute, beim Halbfinal-Hinspiel der Champions League gegen den FC Barcelona, möchte er im Stadion sein. Ob das eine gute Idee ist? Die Fernsehkameras werden Hoeneß so hartnäckig verfolgen wie nie zuvor in mehr als 40 Jahren beim FC Bayern. Hoeneß aber will kämpfen. Die "Abteilung Attacke" wird nicht geschlossen. "Sie können sich vorstellen", hat er der "Süddeutschen" gesagt, "dass mir vieles auf der Zunge liegt".

Unklar bleibt damit einstweilen, wie viel und was Hoeneß hinterzogen hat. Nach Medienberichten hat er in der Schweiz bereits versteuertes Geld gelagert. Was er dem Fiskus in Deutschland vorenthielt, war die Kapitalertragssteuer darauf. Nach der Selbstanzeige soll er drei Millionen Euro an Steuern plus Zinsen nachbezahlt haben. Dies ließe auf Gewinne von sechs Millionen Euro und ein Vermögen von 18 bis 20 Millionen Euro schließen.

Unklar bleibt einstweilen auch die spannendste aller Fragen: die nach dem Warum. Warum versteckt ein Multi-Millionär Millionen im Ausland? Dr. Oliver Petersen vom Philosophischen Institut der Saar-Uni erklärt es mit dem Prinzip der Gier: Wer viel hat, will noch mehr. Zudem hätten Reiche oft das Gefühl, schon genug für die Gesellschaft zu leisten. Auch werde in wohlhabenden Kreisen Steuerhinterziehung nach wie vor als Kavaliersdelikt gesehen. Zudem führten Reichtum und Macht oft zu einem Gefühl der Unbesiegbarkeit. "Man glaubt, damit durchzukommen - und in der Vergangenheit war diese Annahme ja leider oft genug berechtigt."

Rechtsanwalt und Buchautor Arne Lißewski ("Steuerhinterziehung - was nun?") bestätigt das. Sein Geld in die Schweiz zu schaffen, sei "ein Massenphänomen des Alters". Früher habe es auf jeder Party eines Zahnarztes zum guten Ton gehört, über sein Auslandskonto zu reden. Seine typischen Mandanten, viele Witwen, seien heute fast ausnahmslos über 60 und mit der Problematik häufig "total überfordert".

Überfordert, zumindest rechtlich, dürfte Hoeneß dank vieler Berater nicht sein. Aber moralisch überfordert? Wie konnte er es mit sich selbst vereinbaren, öffentlich als Verfechter von Gerechtigkeit aufzutreten, während er im Geheimen die Gesellschaft betrog? "Ich vermute, er hat den Bereich der Steuern aus seinen Überlegungen über Gerechtigkeit ausgeklammert", sagt Petersen. Diese Verdrängungsstrategie gelinge auch dem Otto-Normal-Bürger, der im eigenen Falschparken oder Zu-Schnell-Fahren oft gar kein oder nur ein kleines Unrecht sehe.

Über Hoeneß will Petersen daher nicht gänzlich den Stab brechen: "Herr Hoeneß hat sich zweifelsohne auch viel im sozialen Bereich engagiert." Jeder, der nun laut aufschreit, sollte bedenken: "Da war doch was mit dem Werfen des ersten Steins."