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„Ich habe meinen Beitrag geleistet“

„Ich habe meinen Beitrag geleistet“

Nach langem Zögern hat sich Oskar Lafontaine entschieden. Trotz Drängens vieler Genossen will der 69-Jährige nicht noch einmal in den Bundestag. Die Parteispitze hofft aber auf seine Unterstützung im Wahlkampf.

Selbst in der Stunde seines Abschieds aus der großen Politik redet Oskar Lafontaine am liebsten über die Finanzmärkte. Minutenlang doziert er vor Journalisten wie in einem Volkswirtschafts-Seminar über ein neues System fester Wechselkurse, ohne das es keine Lösung der Euro-Krise gebe. Der 69-Jährige spricht von kontrollierter Abwertung, der Wiedereinführung von Kapitalverkehrskontrollen und Schuldenschnitten. Dann sagt er, warum er im September nicht mehr für den Bundestag kandidieren will: "Ich sehe zurzeit keine Realisierungschance bei den Kräfteverhältnissen auf Bundesebene." Im Bundestag gebe es "einen festgefügten neoliberalen Block", der bislang keine Bereitschaft erkennen lasse, "dass er irgendwie die Diskussion öffnet für eine solche Vorstellung". Lafontaine will damit sagen: Weil er sein Konzept zur Euro-Rettung nicht durchsetzen kann, verspürt er keine Motivation mehr, das ganz große Rad zu drehen. "Wenn man sich noch einmal eine längere Zeit aufbürdet, muss man ein Ziel haben", sagt er, "ein inhaltliches Ziel".

Weil er dieses Ziel für unerreichbar hält, lässt er es lieber ganz sein. Obwohl ihn die Basis der Saar-Linken zuletzt regelrecht angefleht hatte, wieder in den Wahlkampf zu ziehen. "Oskar Lafontaine ist und bleibt unser großes Zugpferd - nicht nur im Westen Deutschlands", erklärte gestern Linken-Landeschef Rolf Linsler mit großem Bedauern. Bei den Saar-Linken wird es jetzt wohl zu einem Dreikampf um die Spitzenkandidatur kommen: Neben den Bundestagsabgeordneten Thomas Lutze und Yvonne Ploetz interessiert sich auch Ex-Weltklasse-Tennisspielerin Claudia Kohde-Kilsch für den Spitzenplatz. Sie ist Lafontaines Sprecherin - und wird von ihm unterstützt.

Lafontaine glaubt, dass er in der Partei mit seinem Schritt auf Verständnis trifft. Er sei vier Mal Spitzenkandidat gewesen und habe "beachtliche" Wahlergebnisse erzielt, sagt er. "Ich habe meinen Beitrag also geleistet."

Gerade in den pragmatischen Ost-Landesverbänden dürfte sich das Bedauern über den Rückzug in Grenzen halten. Für sie war er stets ein Beton-Sozialist, der - statt die Koalitionshürden zur SPD einzureißen - immer neue aufgestellt hat. Hinzu kam das Zerwürfnis mit Bundestags-Fraktionschef Gregor Gysi. Lafontaine sagt, er habe 2012 angeboten, den Karren noch einmal zu ziehen. "Aber die Diskussion kennen Sie ja." Man wollte ihn nicht mehr.

Dass innerparteiliche Differenzen den Ausschlag für seinen Verzicht gegeben haben könnten, davon will Lafontaine partout nichts wissen. "Ich hatte auch Meinungsverschiedenheiten über die deutsche Einheit mit meinem Ziehvater Willy Brandt", sagt er trotzig. Vielleicht hängt sein Rückzug nach drei Jahrzehnten in der Bundespolitik damit zusammen, dass er versucht, seine Lebensgefährtin Sahra Wagenknecht an die Spitze der Bundestagsfraktion zu befördern. Etliche ostdeutsche Genossen sollen ihren Widerstand gegen die einstige Vorreiterin der Fundis aufgegeben haben. Wenn Wagenknecht und Lafontaine gemeinsam in den Bundestag eingezogen wären, hätte das jedoch die innerparteiliche Balance stören können.

In Berlin drängte es gestern keinen Linken-Promi an die Mikrofone, um den Rückzug zu kommentieren. Vielleicht hatten manche ihn insgeheim erwartet. Gysi, dessen freundschaftliches Verhältnis zu Lafontaine schon seit längerem abgekühlt ist, hatte bereits am Freitag erklärt, wenn er kandidiert, "dann nützt uns das", und wenn nicht, "kann er uns auch helfen". Gestern meinte Gysi auf Nachfrage, er sei davon überzeugt, dass Lafontaine "als herausragender Politiker eine wichtige Unterstützung im Wahlkampf der Linken leisten wird". Auch Parteichef Bernd Riexinger geht davon aus, dass Lafontaine ein Zugpferd im Wahlkampf der Linken ist. "Ich freue mich auf viele gemeinsame Auftritte", sagte Riexinger. Anders als Gysi beklagte er aber ausdrücklich die Entscheidung des Saarländers. "Ich bedauere Oskar Lafontaines Verzicht. Er steht anders als Trittin oder Steinbrück wirklich für eine Alternative zu Merkels Euro-Regime".

Lafontaine will bis zur Landtagswahl 2017 auf jeden Fall Fraktionschef im Landtag bleiben - und von Saarbrücken aus auch weiter in die Bundespolitik eingreifen. "Soweit ich gefragt bin", ergänzt der 69-Jährige.