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"Die Lage in Afghanistan wird immer dramatischer"

"Die Lage in Afghanistan wird immer dramatischer"

Saarbrücken/Kabul. Fast täglich neue Meldungen über Attentate, über Tote und Verletzte. "Doch was an Meldungen durchkommt, ist nur ein Bruchteil dessen, was im Land geschieht", sagt Asgar Abbaszadeh (61, Foto: SZ). Seit August 2006 leben er und seine Frau Martina Walzer (44) in Kabul. Sie arbeitetet als Lehrerin an einer Mädchenschule, er als Dolmetscher

Saarbrücken/Kabul. Fast täglich neue Meldungen über Attentate, über Tote und Verletzte. "Doch was an Meldungen durchkommt, ist nur ein Bruchteil dessen, was im Land geschieht", sagt Asgar Abbaszadeh (61, Foto: SZ). Seit August 2006 leben er und seine Frau Martina Walzer (44) in Kabul. Sie arbeitetet als Lehrerin an einer Mädchenschule, er als Dolmetscher. Asgar Abbaszadeh ist gebürtiger Iraner, war in Saarbrücken Geschäftsführer von Ramesch, einem interkulturellen Forum, das sich um das Verständnis zwischen Christen und Muslimen bemüht. Martina Walzer war Lehrerin in St. Ingbert. Ihr Vertrag läuft bis 2010. Asgar Abbaszadeh, der zur Zeit auf "Heimaturlaub" in Saarbrücken ist und in Schulen Vorträge über Afghanistan hält, sagt: "Die Lage wird immer dramatischer."

Abbaszadeh und seine Frau leben in einem relativ sicheren Diplomatenviertel in Kabul. "Doch auch hier kommen Sicherheitswarnungen der Deutschen Botschaft immer öfter. Dann verlassen wir unser Haus nicht. Restaurantbesuche gibt es kaum noch. Die Restaurants sind mit Sandsäcken gesichert. Überall Wachdienste. Mit der zunehmenden Aktivität der Taliban und der Al Qaida-Terroristen steigt bei vielen Afghanis auch die Sympathie für die Taliban. Sie argumentieren: Früher war es besser. Mehr Sicherheit. Und wir hatten wenigstens genug zu essen. Die Nahrungsmittelpreise sind seit einem Jahr explodiert, vor allem die Grundnahrungsmittel Reis, Gemüse und Brot sind zwischen 50 und 100 Prozent teurer geworden. Ein Kilo Reis kostet umgerechnet zwei US-Dollar. Ein Lehrer verdient 60 US-Dollar im Monat, ein Arbeiter zwischen 20 und 30 US-Dollar. Die Kriminalität steigt. Diebstähle und Einbrüche überall, Korruption auch. "Ohne Bakschisch läuft fast nichts."

Abbaszadeh nennt die neuesten Zahlen aus dem Opiumgeschäft: "93 Prozent des illegal produzierten Opiums der Welt kommt aus Afghanistan. Und damit finanzieren die Warlords der Taliban und die Al-Qaida-Terroristen ihre Waffen."

Abbaszadeh hat zu unserem Gespräch den Bericht eines afghanischen Journalisten mitgebracht: "Der Mann lebt gefährlich. Sein Name muss geheim bleiben." Der afghanische Reporter beschreibt die Situation im Land so: "Von den 30 Millionen Einwohnern sind 18 Millionen Kinder, aber nur vier Millionen Kinder gehen zur Schule. Die Hälfte der Kinder in den Städten und zwei Drittel auf dem Land sind nicht einmal gegen Kinderkrankheiten geimpft. 50 Prozent der Männer und 85 Prozent der Frauen sind Analphabeten. 60 Prozent der Einwohner haben keinen Zugang zu sauberem Wasser, 30 Prozent haben keine Latrinen." Einen Ausweg sieht Abbaszadeh aus der Krise nur, wenn die Internationalen Hilfsorganisationen wieder verstärkt arbeiten können: "Viele haben ihre Mitarbeiter aus Afghanistan aus Sicherheitsgründen zurück gerufen. Die Bundeswehr, die ja einst gekommen ist, das Land aufbauen zu helfen, muss zwar für ihre Sicherheit sorgen, aber auch die Hilfsorganisationen schützen und unterstützen, damit die ihre Arbeit fortsetzen können. Nur wenn dem Land geholfen wird, seine Infrastrukturen zu verbessern, gibt es vielleicht eine Chance auf Frieden."

"Alltag in Afghanistan" ist der Titel des Vortrags, den Asgar Abbaszadeh heute von 11 bis 12.30 Uhr in der Erweiterten Realschule Ludwigspark in Saarbrücken, hält. Er wird über seine Erfahrungen im Krisengebiet sprechen.