Der Absturz ist nah

Washington. Als Santa Claus am Heiligen Abend die Schlussglocke an der Wall Street läutete, lagen die Nerven vieler Händler blank. Auch die weihnachtlichen Klänge des Jazz-Trompeters Chris Botti vermochten wenig an der Nervosität zu ändern, mit der die Börsianer auf die festgefahrenen Verhandlungen zwischen dem Weißen Haus und den Republikanern im US-Kongress starren

Washington. Als Santa Claus am Heiligen Abend die Schlussglocke an der Wall Street läutete, lagen die Nerven vieler Händler blank. Auch die weihnachtlichen Klänge des Jazz-Trompeters Chris Botti vermochten wenig an der Nervosität zu ändern, mit der die Börsianer auf die festgefahrenen Verhandlungen zwischen dem Weißen Haus und den Republikanern im US-Kongress starren.

Was bis vor wenigen Tagen noch die Meinung einer Minderheit war, gilt nun als der wahrscheinliche Ausgang der Hängepartie an der Fiskal-Klippe: Ein Anstieg der Steuersätze in den USA am 1. Januar auf das Niveau der Clinton-Jahre verbunden mit pauschalen Ausgabenkürzungen im Bundeshaushalt sowie dem Auslaufen des Arbeitslosengelds für Millionen Amerikaner.

Der Rechnungshof hat ausgerechnet, die Kombination aus Steuererhöhungen und Einschnitten im Haushalt werde der Wirtschaft rund 500 Milliarden Dollar entziehen und die Konjunktur im ersten Halbjahr 2013 zurück in die Rezession stürzen. Damit verbunden stiege die Arbeitslosigkeit bis Ende des Jahres wieder auf 9,1 Prozent an.

Vor diesem Hintergrund bricht Präsident Obama seinen ersten und einzigen Urlaub in diesem Jahr nach nur vier Tagen ab. Er wird heute zurück im Weißen Haus erwartet. Damit soll dem Eindruck entgegengewirkt werden, Obama vergnüge sich, während die Nation über die Fiskal-Klippe stürzt. Auch die Kongress-Abgeordneten kehren auf den Kapitol-Hügel zurück, um einen letzten Anlauf für eine Lösung im Haushaltsstreit zu nehmen.

Angesichts der Kürze der Zeit und den festgefahrenen Positionen halten Analysten eine umfassende Einigung für wenig wahrscheinlich. Aussichtsreicher scheint eine kleinere Notlösung, für die Präsident Obama wirbt. Diese bestünde aus einer Verlängerung der andernfalls auslaufenden Steuersätze der Bush-Jahre für Bezieher von Einkommen unter 250 000 Dollar. Gleichzeitig würden die Leistungen für Langzeitarbeitslose verlängert und die pauschalen Haushaltskürzungen verschoben.

Ein anderer denkbarer Ausgang wäre die "Bungee"-Lösung, also ein Sturz von der Fiskal-Klippe, gefolgt von schnellen Verhandlungen Anfang des Jahres über niedrigere Steuersätze und differenzierte Sparmaßnahmen. Die dritte Variante wäre ein Fortdauern der Selbstblockade, die zu einer langen Periode an Unsicherheit mit gravierenden Konsequenzen für Steuerzahler, Anleger und Empfänger staatlicher Transferleistungen führen würde.

Jenseits einer wie auch immer gestalteten Einigung vor dem 1. Januar stellen sich die Märkte auf einen turbulenten Jahreswechsel ein. Erwartet werden massive Einbrüche an der Börse, Druck auf den Dollar und ein Domino-Effekt, der auch Europa und Asien erreichen dürfte. Analyst Joel Prakken brachte dieser Tage die Stimmung der Marktteilnehmer im "Wall Street Journal" gnadenlos auf den Punkt: "Sie werden ziemlich ausrasten."Foto: dpa