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Die Unsichtbaren am Rande der Kulturhauptstadt

Die Unsichtbaren am Rande der Kulturhauptstadt

Koice. Koice sucht nach Superlativen. Also nennt sich die Stadt, die 2013 den Titel "Kulturhauptstadt Europas" tragen wird, gerne östlichste Stadt der Slowakei. Doch die geografische Angabe allein wird niemanden dorthin locken

Koice. Koice sucht nach Superlativen. Also nennt sich die Stadt, die 2013 den Titel "Kulturhauptstadt Europas" tragen wird, gerne östlichste Stadt der Slowakei. Doch die geografische Angabe allein wird niemanden dorthin locken. Deshalb tut Koice, was andere Kulturhauptstädte zuvor auch getan haben: Straßen herrichten, Kulturzentren bauen, Künstler einladen, sich mit Berühmtheiten schmücken. Etwa mit Andy Warhol, dessen Geburtstag die Stadt jeden August feiert. Warhols Familie stammt aus einem Dorf nördlich von Koice. Die Bauernfamilie wanderte aus, Warhol kam 1928 als Andrej Warhola in Pittsburgh zur Welt.

Ein anderer Sohn der Stadt ist 1945 geboren und 1968 gegangen: Der Schriftsteller Duan imko lebt in Basel. Zwei oder drei Mal im Jahr kehrt er zurück. Etwa um im Auftrag des "Kulturforums östliches Europa" Journalisten Sehenswertes zu zeigen. Seine Stadtrundgänge führen an Häusern in der Innenstadt vorbei, in denen früher Roma wohnten. Er erzählt, dass sie hier nicht mehr wohnen dürfen und nennt es "eine Schande". Früher meint: in Zeiten des Sozialismus. Damals, sagt imko, sei es den Roma viel besser gegangen. Sie hätten Arbeit gehabt, ihre Miete zahlen können.

In der Slowakei leben rund 5,4 Millionen Menschen, rund zehn Prozent gehören der Minderheit der Sinti und Roma an. Koice, nach Bratislava die zweitgrößte Stadt des Landes, hat 240 000 Einwohner.

Etwa 7000 Roma leben in "Lunik IX". Die Siedlung aus den 70er Jahren, gedacht für 2500 Menschen, ist die äußerste der Trabantenstädte, die Koice umgeben. Vertreter der Don-Bosco-Stiftung arbeiten hier, vor allem mit Kindern. Einer erzählt, er habe zunächst mit den Roma in einem Plattenbau gewohnt. Nach einem Jahr ist er dort ausgezogen. Jetzt hat die Don-Bosco-Stiftung ein eigenes Haus am Anfang der Siedlung. Es ist von einem Zaun umgeben. Rückzug? Angst? Er zuckt mit den Schultern. Die Realität ist hart in "Lunik IX".

Die Roma, die dort wohnen, sind meist ohne Strom, Wasser gibt es zwei Stunden am Tag. Im Lädchen kann man Bier und Wodka kaufen, nach Obst und Gemüse schaut man vergebens.

Die mehrstöckigen Plattenbauten sind in unterschiedlichem Zustand. Einige wenige haben Gardinen an den Fenstern, die meisten sind schmutzig, schmucklos, mit blinden Fensterscheiben oder glaslosen, dunklen Fensterhöhlen. Drei Gebäude will die Veraltung abreißen lassen. Wo die Bewohner dann leben werden? Sie ziehen in den Wald, heißt es.

Oder in andere Länder. Auf dem Gelände steht ein Wohnwagen mit belgischem Kennzeichen. Belgien ist weit weg, aber durchaus ein Ziel. In Gent leben inzwischen 8000 Roma, die meisten kamen aus dem Nordosten Bulgariens und aus der Region Koice.

Die künftige Kulturhauptstadt rühmt sich, eine multikulturelle Stadt zu sein. Einen besonderen Platz im Programm haben die Roma nicht. Allerdings gibt es Veranstaltungen mit ihnen und über sie. Das Roma-Medienzentrum etwa will Porträts und Interviews mit interessanten Roma-Persönlichkeiten in einem Buch veröffentlichen. Im Programm des Kulturjahres mag das wie ein kleiner Beitrag scheinen. Doch es wird Roma sichtbar machen. Sichtbar als Individuen. Bisher sind sie die Minderheit, die arbeitslos ist, trinkt, Drogen nimmt. Nach "Lunik IX" fährt kein Slowake freiwillig.

Auch 30 Kilometer westlich von Koice treffen wir auf Menschen, die wenig erfreut sind über die Roma. In Medzev (Metzenseifen) sind 1400 der 4000 Einwohner Roma. Auch sie leben nicht im Ort selbst, sondern am Rande in heruntergekommenen Häusern. Freitags trifft man sie in der Mitte des Ortes. Beim Kehren der Straßen. So arbeiten sie die Sozialhilfe ab.

Einer der Karpatendeutschen, die hier leben, möchte den deutschen Besuchern gerne ein altes Hammerwerk vorstellen und darüber reden, dass immer weniger Leute hier Deutsch sprechen. Fragen nach den Roma machen ihn ungehalten. Die Schwarzen, wie die Roma in der Slowakei genannt werden, versetzen ihn, den Weißen, in Rage.

Rudolf Schuster, der im selben Ort ein Museum aufgebaut hat, spricht lieber von seiner Sammlung alter Fotoapparate, die er dem Staat geschenkt hat. Schuster, von 1999 bis 2004 slowakischer Staatspräsident, war zuvor Bürgermeister von Koice gewesen, zu seiner Zeit ist die Innenstadt saniert worden. Die Roma mussten damals raus aus ihren Häusern und an den Stadtrand ziehen.

Wenn von Sinti und Roma die Rede ist, hört man nicht nur in der Slowakei regelmäßig das Argument, sie wollten ja gar nicht sesshaft sein, sie wollten ja ihr ganz spezielles Leben führen. Ein Argument, dass Romani Rose, der Vorsitzende des Zentralrates der Sinti und Roma in Deutschland, so deutet: "Mit dieser Aussage versucht man, die ganze Unmenschlichkeit zu rechtfertigen. Menschen, die das sagen, stellen die Roma soweit ins Abseits, dass man sie nicht mehr sieht." In der Tat will kein Slowake nach "Lunik IX". Besucher hielte man am liebsten davon ab. Eine einzige Straße führt hierhin. Einmal am Tag fährt ein Bus in die Stadt.

 Das Zentrum der künftigen Kulturhauptstadt Koice mit Marktplatz und Mariensäule. Foto: Berg/dpa
Das Zentrum der künftigen Kulturhauptstadt Koice mit Marktplatz und Mariensäule. Foto: Berg/dpa

In der künftigen Kulturhauptstadt wie in vielen anderen europäischen Städten auch verkörpern Roma die Kultur der Armut. Der Titel "Kulturhauptstadt Europas" bringt Koice Geld, um die Infrastruktur zu verbessern. Den Roma wird er wohl nicht viel bringen. "Wenn man von Kultur spricht", sagt Romani Rose, "muss man die Menschenrechte achten."