Das Comeback des Spießers

Hannover/Saarbrücken · Stets am Puls der Zeit ist Jennifer Richter, Geschäftsführerin im Bereich Projektmanagement der saarländischen ACN Werbeagentur. SZ-Redaktionsmitglied Elsa Middeke hat sie nach der Trendwelle der Spießer gefragt.

Frau Richter, kommt mit der Generation der Twens tatsächlich der Spießer zurück?

Richter: Ja, der Trend geht eindeutig dorthin. Bieder zu sein ist wieder in. Doch der negativ gefärbte Begriff von früher ist nun aufgebrochen worden. Früher galt ein Spießer als kleinkariert und langweilig. Heute geht es den Twens vielmehr um die Suche nach Halt, Orientierung und eine Neuordnung der persönlichen Prioritäten. Das hat den Effekt, dass die jungen Leute traditionelle Werte wiederbeleben. Sie suchen sich bewusst aus, dass sie diesen Stil leben möchten, und stehen dazu.

Woran erkennen Sie einen typischen neuen Spießer?

Richter: An seiner Sehnsucht nach Sicherheit, Eingrenzung, Halt und Bodenständigkeit. Die neuen Spießer konzentrieren sich auf ihre eigene kleine Welt, da wird zum Beispiel die eigene Familie sehr wichtig. Sie werden eine Spur egoistischer und risikoscheuer. Für sie rücken als Ziele nun das Eigenheim, der sichere Job und die Familie in den Vordergrund. Sie wollen sich etablieren und gehen opportunistisch vor, um sich einen festen Platz in der Gesellschaft zu sichern.

Warum ist der Spießer bei den Twens auf einmal so beliebt?

Richter: Es gibt für diese Generation heute kaum noch Grenzen, aber auch weniger Verbindlichkeit. Soziale Netzwerke haben dazu beigetragen, dass alles so transparent geworden ist. Jetzt suchen die jüngeren Menschen statt der offenen, transparenten Welt ihren eigenen überschaubaren, sicheren Hafen.

Früher galt der Gartenzwerg als Symbol des Spießertums. Gibt es ein neues Wahrzeichen für den heutigen Spießer?

Richter: Wenn sich der Spießer eine eigene Welt schafft, zum Beispiel ein Eigenheim, werden für ihn alle Produkte wichtig, die dazugehören. Die schicke Wohnungseinrichtung zum Beispiel. Eigentlich alles, was zum Wohlfühlen in der eigenen Welt beiträgt. Aber selbst der Gartenzwerg passt sich an die heutige Generation an: Heute schimmert er in bunten Farben, trägt eine Sonnenbrille oder ein Rock'n'Roll-Shirt.Den Prototyp des Spießers erkennt man an seiner Schrankwand in Eiche rustikal, am Gartenzwerg und natürlich am Schrebergarten. Trendforscher stellen fest, dass das Schreckgespenst der Alt-68er in der jungen Generation von heute ein Comeback erlebt. Auch im Saarland scheinen sie sich zu tummeln, die Vertreter der neuen Spießer. Vor Anfragen kaum retten kann sich jedenfalls der Vorsitzende des saarländischen Landesverbands der Kleingärtner, Wolfgang Klos. Er sagt: "Seit etwa vier Jahren gibt es im Saarland einen Run auf Kleingärten, wir können die Nachfrage gar nicht befriedigen. Meistens interessieren sich junge Eltern im Alter von 20 bis 25 Jahren dafür."

Der gerade dem Teenager-Alter entwachsene Autor Philipp Riederle macht sich in seinem Buch "Wer wir sind und was wir wollen" zum Sprecher seiner Generation und meint: "Wir wollen Spießer sein. Mit Ansage!"

In einer komplexen Welt ohne Grenzen und Orientierung suche der mobile Mensch nach Begrenzung, Schutz, Sinn und Geborgenheit, sagt der Geschäftsführer des Frankfurter Zukunftsinstituts, Andreas Steinle. Als Beispiel gilt ihm die "Ode an die Spießigkeit". Seit 2013 wirbt die Landesbausparkasse LBS augenzwinkernd mit dem neuen Spießer. Dieser sehnt sich nach der heilen Welt im Grünen und schließt dafür Bausparverträge ab. Das Unternehmen hatte vor Jahren schon Erfolg mit einem kleinen Mädchen, das mal Spießer werden möchte.

"Wir haben heute eine andere Form der Spießigkeit, das ist ja ein viel emanzipierterer Begriff. Wir haben ihn in unserer Kampagne zeitgemäß aufgeladen und das Thema humorvoll gebrochen", erläutert Franzis Heusel von der Düsseldorfer Werbefirma BBDO, die hinter der Kampagne steht. Eine Eintagsfliege oder schon ein Trend?

Es sei keine Erfindung der Werbebranche und auch kein Trend, sagt Zukunftsforscher Steinle. "Sondern ein Wertewandel, der seit drei bis fünf Jahren zunehmend spürbarer wird."

Seit einigen Jahren schon spüren Meinungsforscher und Autoren landauf, landab dieser Entwicklung nach. Der Wirtschaftsjournalist Christian Rickens hatte 2006 in dem Buch "Die neuen Spießer" bereits eine neue Bürgerlichkeit erahnt, die sich mit ihren Wertvorstellungen von den Idealen der 68er-Bewegung abgrenzt. Ist also der Gartenzwerg vor der Tür Ausdruck von Spießigkeit? Nein, sagte vor einigen Monaten selbst die langjährige grüne Bundesvorsitzende Claudia Roth im taz-Interview: "Spießigkeit fängt da an, wo man eine andere Lebensform nicht gelten lässt."

Der Zerfall von Familienstrukturen, Umwälzungen am Arbeitsplatz und Veränderungen im Alltag ziehen einen allgemeinen Wertewandel nach sich. "Da kündigt sich eine schleichende Kulturrevolution an", meint Trendforscher Stephan Grünewald. Der Mitbegründer des Kölner Rheingold-Instituts und Autor des Buches "Die erschöpfte Gesellschaft" bringt es auf den Punkt: "Vergesst den Marsch durch die Institutionen: Wir erleben einen neuen Wertekonservativismus der jungen Generation." Grünewald nennt sie die neue "Generation Biedermeier".

Professor Ulrich Reinhardt von der Stiftung für Zukunftsfragen in Hamburg warnt allerdings davor, das Bild des traditionellen Spießers zu stark zu bemühen: "Viele Bürger sind verunsichert. Sie haben das Gefühl, in fortgesetzten Krisenzeiten zu leben, und erleben zeitgleich, wie sich die Welt immer schneller verändert und dadurch auch neue Anforderungen entstehen", sagt er. Als Folge suchten sie nach Sicherheit und dem Althergebrachten. "Dieses hat nichts mit Spießertum direkt zu tun, wohl aber mit einem bewussten Innehalten in schnelllebigen Zeiten und einer Renaissance von traditionellen Werten."

Die junge Generation stelle zudem zunehmend die Sinnfrage, beobachtet Trendexperte Grünewald. "Die Wirtschaft erlebt verwundert, dass junge Leute heute nicht mehr Karriere-fixiert sind, sondern anpassungsbereit und fügsam."

In jungen Jahren betrieben sie eine disziplinierte Kompetenz-Hamsterei - sobald sie aber einen Job hätten, seien sie nur bedingt bereit, sich dafür aufzuopfern. Arbeiten im Hamsterrad sei bei vielen out, meint Zukunftsforscher Steinle. "Die Mitarbeiter können selbst bestimmen, ob sie mehr oder weniger arbeiten wollen." Die Devise laute: Zeit statt Geld.

Nicht nur den Wunsch nach mehr Zeit, sondern vor allem eine starke Sehnsucht nach Geborgenheit sieht Rolf Vogl, Moderator beim Saar-Radiosender bigFM, in der neuen Spießigkeit: "Die Generation der Twens ist überfordert davon, immer erreichbar zu sein und auf jeder Party zu tanzen. Deshalb wollen die jungen Menschen wieder zur Ruhe kommen und suchen nach Geborgenheit. Die Werte der Eltern werden wieder wichtig: Früher fanden wir das Sonntagsessen um Punkt zwölf Uhr mittags mit der Familie doof - heute genießen wir es."