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Sudetendeutsche Hoffnungen

Sudetendeutsche Hoffnungen

Nürnberg. Wieder Klartext redete der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) auf dem traditionellen Pfingsttreffen der Sudetendeutschen in Nürnberg. Erstmals waren aber fast keine Attacken mehr gegenüber der tschechischen Politik zu vernehmen, dafür umso deutlichere Kritik an Berlin

Nürnberg. Wieder Klartext redete der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) auf dem traditionellen Pfingsttreffen der Sudetendeutschen in Nürnberg. Erstmals waren aber fast keine Attacken mehr gegenüber der tschechischen Politik zu vernehmen, dafür umso deutlichere Kritik an Berlin.Mit der Entschädigung von deutschen Zwangsarbeitern müsse jetzt endlich ernst gemacht werden, forderte Seehofer. "Wir bezahlen in Europa für alles, da können wir auch für die deutschen Zwangsarbeiter bezahlen", sagte er. Nach Einschätzung von Vertriebenen-Chefin Erika Steinbach (CDU) würden sich die Kosten für die Entschädigung auf 200 Millionen Euro belaufen. Gedacht sei an einen Einmalbetrag von 5000 Euro für jeden Betroffenen. Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) hatte die Forderung noch im Sommer 2011 abgelehnt. Nach einem Medienbericht war er der Meinung, deutsche Zwangsarbeit im Ausland nach dem Zweiten Weltkrieg gelte als Massenschicksal, das nicht entschädigt werden könne.

Auch beim Thema des nationalen Gedenktags für die Opfer von Vertreibung ärgerte sich Seehofer über eine "zunehmende Ankündigungspolitik" der Bundesregierung. Die Einführung eines solchen Gedenktages sei schließlich im Berliner Koalitionsvertrag vorgesehen.

Gegenüber der tschechischen Regierung war dagegen eine Annäherung zu spüren. Nach zwei Seehofer-Besuchen in Prag und der wachsenden Öffnung tschechischer Verbände und Parteien gegenüber den Anliegen der Heimatvertriebenen setzen die Spitzenfunktionäre zunehmend auf Kooperation statt auf verbale Kraftmeierei.

Überzeugen statt fordern

Für Unmut sorgt zwar weiterhin die Weigerung Prags, offiziell Gespräche mit der Sudetendeutschen Landsmannschaft zu führen. Der Vorsitzende der Landsmannschaft, Franz Pany, sprach von einer unverändert "starren Haltung" Prags; kurzfristig rechne er nicht mit spektakulären Erfolgen. Und Seehofer ermahnte die Regierung in Prag erneut zur Auseinandersetzung mit dem Thema "Flucht und Vertreibung". Er vermied aber ebenso wie die Vertriebenenfunktionäre den Hinweis auf die sogenannten Benes-Dekrete, die die Voraussetzung für die Ausweisung der deutschen Minderheit aus der Tschechoslowakei schufen. Stattdessen sprach der CSU-Chef lediglich von "Klippen", die es im deutsch-tschechischen Verhältnis zu meistern gelte. Zugleich lud er den tschechischen Ministerpräsidenten Petr Necas zu einem Gegenbesuch noch in diesem Jahr nach München ein.

"Es geht nicht um Forderungen, sondern um harte Arbeit. Wir müssen in unserer alten Heimat durch Taten überzeugen", formulierte der oberste Repräsentant der Sudetendeutsche Volksgruppe, Bernd Posselt. Nur so, hofft der CSU-Europaabgeordnete, schaffe sich die Landsmannschaft breite Akzeptanz in der tschechischen Gesellschaft. Mit der, so sein Kalkül, lasse sich dann in Tschechien auch politisch mehr bewegen. Sein Ziel sind die bislang verweigerten offiziellen Gespräche mit der Prager Regierung und deren uneingeschränktes Schuldeingeständnis in Sachen Vertreibung.

Der tschechische Außenminister Karel Schwarzenberg sieht in seinem Land durchaus Fortschritte bei der Aufarbeitung der Vertreibung von Deutschen. In den letzten Jahren sei "sehr viel passiert", sagte er in Prag. Die Vertreibung werde in vielen Büchern und Filmen thematisiert. Zurückhaltend reagierte Schwarzenberg auf Hoffnungen der Sudetendeutschen nach einem "großen Schritt" im Verständigungsprozess. "Mir ist nicht klar, was da erwartet wird."

Meinung

Versöhnung ist eine Schnecke

Von SZ-MitarbeiterRalf Müller

Im sudetendeutsch-tschechischen Verhältnis ist Vieles in Gang gekommen - wenn auch im Schneckentempo. Zerstört und vergiftet ist das Verhältnis zwischen Völkern und Volksgruppen schnell, wenn rassistische und nationalistische Demagogen am Werke sind. Reparatur und Versöhnung können hingegen viele Jahrzehnte dauern. Das beweist sich jedes Jahr aufs Neue zum Pfingsttreffen der Sudetendeutschen Landsmannschaft. Aber die Töne der Versöhnung und Hoffnung werden immer lauter. Auch die Skeptiker unter den sudetendeutschen Funktionären können jetzt nicht mehr umhin, die in Gang gekommene Entkrampfung zwischen der tschechischen Politik und den sudetendeutschen Vertriebenenorganisationen als "unumkehrbar" zu würdigen.

Hintergrund

Ein Zeichen der Öffnung: Junge Besucher des Sudetentreffens mit Europafahne. Foto: Hildenbrand/dpa

"Sudetendeutsche" ist ein Sammelbegriff für die rund drei Millionen Deutschen in der damaligen Tschechoslowakei. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurden nach Berechnungen der Sudetendeutschen Landsmannschaft mehr als zwei Millionen Sudetendeutsche vertrieben. Etwa 250 000 konnten bleiben. Die Sudetendeutsche Landsmannschaft gilt mit rund 250 000 Mitgliedern als einer der einflussreichsten Vertriebenenverbände. Noch vor zehn Jahren hatte sie allerdings noch mehr als 300 000 Mitglieder. dpa